Gefängnis für das Sammeln von Büstenhaltern

Was begann als ein amüsanter und spielerischer Versuch, das öffentliche Interesse auf meine leidenschaftliche Obsession - den weiblichen Orgasmus - zu lenken, ist jetzt zu einer unerwarteten Herausforderung geworden:


In einigen Woche werde ich meine erste Haftstrafe absitzen müssen. Wer hätte gedacht, dass das Schweizer Strafjustizsystem es für nötig befinden würde, mich so streng für das angebliche «Verbrechen», BHs auf dem zentralen Platz der Stadt zu sammeln, bestrafen würde.

Doch lasst euch sagen: Dies erweist sich als eine fabelhafte Gelegenheit, die transformierende Macht der totalen weiblichen Hingabe zu erfahren.

Diejenigen unter euch, die seit Beginn des Jahres mein ORGASMOBILE-Abenteuer verfolgt haben, wissen über den Hintergrund Bescheid. Im März lancierte ich eine Sammelaktion und hielt Frauen dazu an, ihre gebrauchten Büstenhalter für die Herstellung einer farbenprächtigen, energiegeladenen Patchwork-Hülle für das O-Mobil zu spenden. Ich fand mich jeden Montag von 12 bis 13 Uhr auf dem Paradeplatz ein, dem zentralen Platz im Herzen von Zürich. Alle Banken haben ihre Büros am Paradeplatz: UBS, Credit Suisse und viel der kleineren Investment-Banken, die trotz der Rezession immer noch im Geschäft sind. Hier befindet sich DAS Machtzentrum Zürichs.

Am Ende des ersten Tages meiner Sammelaktion kamen zwei Polizisten daher, um mich freundlich davon in Kenntnis zu setzen, dass ich hiefür eine Genehmigung brauche. Als brave Bürgerin machte ich mich also am nächsten Tag auf zur Polizeistation, um den Erlaubnisschein zu beantragen. Hier sagte man mir, dass mir die Genehmigung nicht - ganz bestimmt niemals und unter gar keinen Umständen - erteilt werden würde, da der Paradeplatz etwas Besonderes sei. Nur die Banken und die Heilsarmee seien berechtigt, auf diesem Platz zu sammeln, und außerdem dürfe man dort nur um Geld nachsuchen, nicht um Büstenhalter. So dankte ich der Polizei denn höflich und ging wieder meiner Wege. Am nächsten Montag setzte ich meine Sammelaktion fort - zur selben Zeit und am selben Ort. Für mich gab es nicht die geringsten Zweifel. Ich hatte zuvor öffentlich angekündigt, dass ich an jedem Montag im März auf dem Paradeplatz sammeln würde, und ich beabsichtigte, meinem Versprechen an die weiblichen Mitglieder der Bevölkerung nachzukommen.

Und natürlich - wer hätte es anders erwartet - tauchten die Polizisten wieder auf. Diesmal waren sie allerdings nicht so freundlich. Sie waren sauer, ich kann euch sagen - wirklich stinksauer! Sie hätten mich gewarnt, sagten sie, und ich hätte mich vorsätzlich ihren Anordnungen widersetzt. Ich stand kleinlaut da und musste mit ansehen, wie sie über ihr Walkie-Talkie Verstärkung zum Ort des Verbrechens riefen. Vier bewaffnete Polizisten in zwei Polizeiautos rückten an, um meine hübsche rote Sammeltonne zu konfiszieren und mich zur Polizeistation zu verfrachten. Es war wie im Kino - einer der Polizisten las mir meine Rechte vor: «Sie haben Anspruch auf einen Rechtsanwalt, Sie haben das Recht zu schweigen, etc.» Der Polizist besaß immerhin die Freundlichkeit, seine Schusswaffe abzunehmen und sie in seine Schreibtischschublade zu legen, bevor er mich peinlich genau befragte und seinen Bericht tippte. Sein Kollege saß am Schreibtisch gegenüber und zählte das bunte Sammelsurium der konfiszierten Büstenhalter: Es waren 145 Stück und ich erhielt eine sauber ausgefüllte Quittung über die Beschlagnahme. Mein kleiner roter Sammelbehälter stand verloren in der Ecke, als ich das Polizeirevier verließ und mich mit leeren Händen auf den Heimweg machte.

In der folgenden Woche setzte ich meine Sammlung wie geplant fort. Dank der liebenswürdigen Fürsprache der Polizeipräsidentin Esther Maurer hatte ich eine Genehmigung für den letzten Montag des Monats erhalten. Allerdings, so wurde mit mitgeteilt, würde der Bußgeldbescheid nicht zurückgenommen.

Monate vergingen, der Zwischenfall wurde nicht mehr angesprochen und ich erhielt auch keine Post von der Polizei. Ich nahm an, das Gericht habe eingesehen, wie idiotisch dieser massive Einsatz polizeilicher Gewalt gewesen war, und habe, um das Gesicht zu wahren, die Angelegenheit still und heimlich fallengelassen. Wie naiv von mir - nichts war weiter von der Wahrheit entfernt! Diese Woche traf der ganze Papierkram - drei Monate nach der Ausführung des «Verbrechens» - schließlich doch vom Gericht ein.

Der Gerichtshof der Stadt Zürich verdonnerte mich zu einer Geldbuße von 854.- Schweizer Franken oder einer Haftstrafe von fünf Tagen. Die Buße zu zahlen, steht für mich zur Zeit nicht zur Diskussion - schließlich haben wir eine Rezession. Darum informierte ich gestern die Behörden, dass ich die Geldbuße nicht zahlen, sondern stattdessen fünf Tage hinter Gittern verbringen werde.

Einem aufmerksamen Beobachter entgeht natürlich nicht, wie die unkontrollierte weibliche Energie dieses Aktes das System der Kontrolle, welches die männliche Macht aufrechtzuerhalten sucht, zu untergraben droht. Doch angesichts der konkreten Drohung, eine Woche im Gefängnis verbringen zu müssen, tauchten bei mir noch eine Menge anderer Fragen zu meinen Aktivitäten auf.

Wenn diese freudvolle, auf Frauen ausgerichtete Lust-Revolution sich der Kontrolle und Einschränkung widersetzt, sollte dies dann wirklich schädlich für unsere Gesellschaft sein? Und wenn ich passiven Widerstand übe gegen den plumpen Versuch der Polizei, meinen Aktivismus zu kontrollieren - schade ich damit dann anderen? Wenn ich selbstbestimmt bin und es der Polizei nicht gestatte, die Grenzen meines Handelns zu diktieren und festzulegen, bin ich dann ein Verbrecher?

Es steht außer Frage, dass Gesetz und Ordnung notwendig sind, um die chaotischen und destruktiven Kräfte zu kontrollieren, die sich in unserer Gesellschaft breit machen. Fußball-Hooligans, bombenwerfende Terroristen, rücksichtslose Raser auf den Straßen, Vergewaltiger aber auch korrupte Banker und Wertpapierhändler stellen eine sehr reale Gefahr für unser Wohlergehen dar. In den meisten dieser Fälle werden wir durch eine Polizei, die sich für die Sicherheit der Staatsbürger einsetzt, gegen solche Gefahren abgeschirmt. Aber eine einzelne Frau, die auf einem Platz im Stadtzentrum Büstenhalter sammelt - ist das ein das Gemeinwohl gefährdender Akt? Sollte dies tatsächlich etwas sein, das den Einsatz der Polizei und Strafverfolgung durch Richter und Gerichte rechtfertigt?

Aber da gibt es auch etwas in mir, das gespannt darauf ist, sich in die Entwicklung dieser Geschichte zu fügen und die Story zu einem Abschluss kommen zu lassen. Mit der Strömung schwimmen, wie es so schön heißt. Irgendetwas im Ablauf dieses Prozesses will mich etwas lehren. Was wird, wenn ich mich nicht widersetze? Was, wenn ich mich nicht verteidige oder mich auf einen Kampf einlasse? Was, wenn ich einfach akzeptiere, dass wir nun einmal in dieser Art von System leben, und einfach «ja» sage zu den Konsequenzen meines Handelns? Ich finde einen merkwürdigen Frieden darin, mir zu gestatten, einfach mit dem Fluss der Ereignisse zu fließen, auch wenn ich nicht so recht weiß, wohin er mich tragen wird. Mich in die Hingabe zu entspannen, fühlt sich erotisch feminin und wahrhaftig an. Ein Teil meine selbst ist erwacht und ich vertraue auf die Entwicklung dieser Erfahrung. Ich lasse mich von der Strömung tragen wohin immer ich gelangen muss.

Ich werde euch auf dem Laufenden halten und euch über die Einzelheiten der sich entfaltenden Geschichte informieren. Ist das Leben nicht ein Abenteuer mit unerwarteten Wendungen?





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Maggie Tapert - Wings Of Joy - Weibliche Spiritualität und Sexualität