Ist es in Ordnung zu lügen – wenigstens manchmal?

Eine schwierige Frage...


Ich habe während der vergangenen Woche über diese schwierige Frage nachgedacht. Es begann alles, als ich zu einer zehntägigen Geschäftsreise aufbrach. Ich bat meinen Nachbarn, während meiner Abwesenheit die Rosen auf meinem Balkon zu gießen, und gab ihm den Schlüssel zu meinem Appartement. Es war nicht das erste Mal, dass er sich um meine Pflanzen kümmerte, also instruierte ich ihn ohne Bedenken, wie er meine Babys füttern sollte, drückte ihm den Schlüssel in die Hand und verabschiedete mich.

Eric ist ein besonderer Nachbar. Er ist ein Musiker und Komponist in seinen Sechzigern. Er ist kürzlich in Rente gegangen und hat gerade ein Buch über seine sexuellen Abenteuer als Schwuler geschrieben. Wir hatten endlose Gespräche über Liebe, Beziehungen, Familie und natürlich über jeden vorstellbaren Aspekt des Sex mit einem Mann. Er ist ein liebenswerter Typ und ein guter Gefährte. Es fühlt sich wirklich gut an, dass da jemand in unserem Haus ist, der mich kennt, der meine Arbeit versteht und der für mich da ist, wenn ich ihn brauche. Nun gut, er neigt ein wenig zur Hypochondrie und kann einem manchmal mit seinem Gejammer auf die Nerven gehen. Aber was soll’s – niemand ist perfekt.

Als ich nach zehn Tagen nach Hause kam, sah ich, dass das Glas eines großen gerahmten Fotos in meinem Schlafzimmer kaputt war. Ich hatte das erotische Foto auf ein Regal in der Nähe meines Bettes gestellt. Ich hatte noch keine Zeit gefunden, es aufzuhängen, und so lehnte es nur an der Wand. Auf eine Ecke des Rahmens hatte ich eine herrliche schwarze Maske gehängt und Kerzen in kleinen roten Gefäßen davor aufgestellt. Das Ganze war eine attraktive Installation, die ich jeden Morgen und jeden Abend gern anschaute. Wie also konnte das Glas zerbrochen sein? Während ich das zu rekonstruieren versuchte, kam mir nur eine Möglichkeit in den Sinn. Eric muss in meinem Schlafzimmer herumgekramt haben. Hätte ich den Schlüssel zu seinem Appartement gehabt, hätte ich sicher ebenfalls in seinen Schränken und Schubladen herumgeschnüffelt. Würden Sie das nicht tun? Ich dachte mir, dass er sich die Maske, die an dem Foto hing, näher ansehen wollte und dass das Foto dabei umkippte und das Glas zerbrach. Während ich so dastand und das Foto anstarrte, stellte ich mir vor, wie er in der Schublade mit meiner Unterwäsche herumstöberte und mit den Sexspielzeugen in meinem Nachttisch spielte. Die Vorstellung, dass ein schwuler Mann in meinem Schlafzimmer in meinen Schlüpfern und Stöckelschuhen herumtanzte, war irrwitzig komisch.

In den folgenden Tagen wusste ich nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich hätte das Bild natürlich einfach wieder zum Rahmen bringen, das Glas ersetzen lassen und nichts sagen können. Aber kein Wort darüber zu verlieren, fühlte sich ungut an. Ich wartete einige Tage, aber Eric sagte nichts. Also schickte ich ihm eine freundliche Nachricht und fragte ihn, ob er wisse, was mit dem Foto in meinem Schlafzimmer passiert sei – aber er antwortete einfach nicht. Weder bestätigte noch leugnete er, irgendetwas mit dem Glasbruch zu tun zu haben. Er ignorierte die ganze Sache einfach. Ich fragte nicht wieder nach, weil ich wusste, dass ich ihn dann zwingen würde, mich anzulügen. Er hat sicher dass Gefühl, mein Vertrauen damit, dass er in meinem Schlafzimmer herumgeschnüffelt hatte, statt meine Rosen zu gießen wie ein guter Nachbar, verletzt zu haben. Wie konnte er also seine unartige Neugierde, die ein so unschönes Ende nahm, eingestehen? Was für ein Dilemma!

Hätte er mir erzählt, dass er meinen Morgenmantel und meine Maske anprobiert hatte und das Foto dabei umgefallen war, dann hätte ich gelacht und die ganze Angelegenheit ohne weiteres Aufheben verziehen. Ich bin komisch in dieser Hinsicht. Ich finde die sexuellen Ausschweifungen anderer auf prickelnde Weise faszinierend, aber ich hasse feiges Lügen und Übertünchen. Ich hatte einmal einen Liebhaber, der einige Tage mein Appartement hütete, während ich verreist war. Als ich zurückkam, gestand er sofort, er habe mit dem Dildo in Form einer Göttin, der auf meinem Altar steht, gespielt. «Ich habe ihn mir in den Arsch geschoben», sagte er ohne Umschweife. Wir lachten beide darüber und ich dachte nicht mehr daran – bis mein Nachbar sich weigerte, mir sein Geheimnis zu offenbaren.

Ich sehe Männer ständig lügen. Natürlich lügen Frauen ebenfalls. Aber Männer scheinen sich ihrer sexuellen Neigungen auf eigenartige Weise zu schämen. Sie stellen sich immer vor, dass Frauen nicht mit der Wahrheit umgehen können, dass sie emotional und seltsam drauf reagieren und vielleicht zu heulen beginnen. Sie gewöhnen sich so sehr daran, ihre sexuellen Vorlieben und ihre Untreue zu verbergen, dass ihnen die Lügen ganz selbstverständlich von den Lippen kommen. Vielleicht ist das eine Art unbewusstes Abkommen zwischen Partnern – ich tue, was mir beliebt, und erzähle dir nur, was du meiner Meinung nach hören willst. Es ist oft nicht einfach einzuschätzen, ob die Wahrheit auf lange Sicht besser funktioniert, oder nicht. Konfrontation oder Harmonie – keine leichte Wahl.

Als ich noch ein Teenager war und meine ersten sexuellen Erfahrungen machte, log ich meine Mutter oft an oder erzählte ihr einfach nicht, was in meinem Leben so passierte. Das war ziemlich kompliziert. Als ich ein schlechtes Gewissen bekam und meine Erfahrungen mit ihr teilen wollte, zeigte sich, dass sie manche Dinge einfach nicht hören wollte und bestimmte Details nicht ertragen konnte. Ich spürte, dass sie mit dem, was ich durchmachte, während meine Sexualität aufblühte, nicht umzugehen vermochte. Mein heftiges Verlangen, meine Exzentrizitäten, meine Vorliebe für alles Erotische schienen ihr fremd und «zu viel» zu sein. Ich fühlte ihre Angst und ersparte ihr deshalb die Konfrontation mit meiner «Wahrheit». Doch dass ich mich so verschloss, tötete schließlich die Intimität zwischen uns – doch das verstand ich erst viel später in meinem Leben, als ich selbst eine Tochter und einen Sohn hatte und die andere Seite der Eltern-Kind-Beziehung kennen lernte.

Die Verantwortung für unsere Kommunikation zu übernehmen, scheint mir ein wichtiger Bestandteil der emotionalen Reife zu sein. Die Wahrheit zu sagen, ist für mich keine moralische Entscheidung, sondern eine bewusste Wahl. Eine Entscheidung, anderen meine Geheimnisse, meine Verunsicherungen und meine Verletzlichkeiten anzuvertrauen. Manchmal fällt mir das leicht, aber meistens ist es verdammt schwer. Ich kann das zwar von mir selbst verlangen, nicht aber von meinen Mitmenschen. Ich gebe zu, dass ich immer noch dabei bin zu lernen, wann ich reden und wann ich den Mund halten sollte, wann es gut ist zu lügen und wann, die Wahrheit zu sagen. Ich habe Mitgefühl mit Eric und seiner Entscheidung, den Zwischenfall mit dem Bilderrahmen ohne Kommentar oder Entschuldigung unter den Teppich zu kehren. Ich kann ihn nicht zwingen, mir die Geschichte zu erzählen. Er geht damit um, indem er nicht damit umgeht – und das ist seine Entscheidung.

Ich habe das Bild heute Morgen zum Rahmen gebracht und zögere nicht, Eric den Schlüssel das nächste Mal, wenn ich verreise, wieder zu geben. Das löst mein Dilemma nicht, aber ich fühle mich mit dieser Entscheidung auf seltsame Weise innerlich im Reinen.

P.S. Meine Putzfrau kam heute Nachmittag. Ich bin ihr in den letzten Wochen nicht begegnet, weil ich so viel unterwegs war. «Entschuldigung Frau Maggie», sagte sie in ihrem Deutsch mit spanischem Akzent. Sie nahm mich bei der Hand und zog mich ins Schlafzimmer. Dort zeigte sie auf die Stelle, wo das Foto gestanden hatte, und sagte: «Tut mir so leid. Ich habe beim Putzen das Glas zerbrochen.»





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Maggie Tapert - Wings Of Joy - Weibliche Spiritualität und Sexualität