Das Yin-Yang des Salsa Tanzens
Meinen Fred Astaire/Ginger Rogers-TraumIch wollte schon immer eine Tanzklasse besuchen. Über viele Jahre hinweg hatte ich jedoch einen Partner, der die Nase rümpfte, wenn nur schon von Tanzen die Rede war, und so gab ich meinen Fred Astaire/Ginger Rogers-Traum auf. Letztes Jahr dann, als ich wieder ein frischgebackenes Single-Girl wurde, profitierte ich von meiner neuerlangten Unabhängigkeit, um meine Ambitionen zu verwirklichen, eine anmutige Tänzerin zu werden. Ich schrieb mich ganz allein für einen Tanzkurs ein. Die Mitarbeiter der Schule, wo ich mich anmeldete, statteten den Kurs mit zusätzlichen Männern aus, damit immer genug Tanzpartner für alle Singel-Mädels mit Tanzfüssen bereit standen. Auf diese Weise verfügte ich regelmässig über Tanzpartner, ohne diese von mir aus erst auf den Tanzboden schleppen zu müssen.
So begann mein Abenteuer mit Salsa-Tanzen.
Und ich habe gelernt, ob Ihrs glaubt oder nicht: Die Essenz des menschlichen Lebens offenbart sich auf der Tanzfläche; mitsamt den Spaltungen, den Konflikten und den Herausforderungen, die das Leben birgt. Und ich übertreibe nicht! Gerade dieser Latin-Tanz ist ein extremes Beispiel des Ausbalancierens zwischen Yin und Yang - dem Männlichen und dem Weiblichen -, der Polarität, die für die menschliche Existenz absolut essentiell ist. Diese magische Vermischung von Gegensätzen ist gleichzeitig das, was uns ein Gefühl von Individualität verleiht und uns erlaubt, zu einer Einheit zu verschmelzen. Du kannst alle Tanzschritte lernen, alle Kombinationen meistern und ein grossartiges Rhythmusgefühl haben - doch: Wenn alles gesagt und getan ist, Tanzen kannst Du nicht allein. Einer der Partner übernimmt die Führung und der andere folgt ihm. Und da wird es interessant.
Rate nämlich mal: Wer führt und wer folgt im Salsa?
Da stand ich also, mit Jahren an feministischer Politik auf dem Buckel, und gab mir Woche für Woche Mühe, meine bestimmende und zutiefst kontrollierende Natur aufzugeben und mich der unsicheren Führung einer Gruppe unbeholfener Männer hinzugeben. Sanfte Männer, die für das erste Mal in ihrem Leben lernen, wie es sein könnte zu führen.
In meinem Tanzkurs bilden wir immer einen Kreis von Paaren, wir sind insgesamt etwa 30 Tänzerinnen und Tänzer, und tanzen eine Abfolge von Schritten mit jedem Partner bloss für ein bis zwei Minuten. Dann stoppt die Musik und jede Frau bewegt sich zum nächsten Mann, um einige Minuten mit ihm zu tanzen, bevor wir erneut wechseln. Und so wandern wir von Mann zu Mann im Kreis. Mit jedem neuen Tänzer muss ich mich an seine Grösse, seinen Geruch, seine Anmut, seinen Rhythmus und an sein Vertrauen anpassen. Jedes Mal übe ich mich darin, die Kontrolle loszulassen, ich halte den Tanzpartner sanft und lasse ihn führen.
Wow, was für eine Lernerfahrung!
Wieder und wieder ermahnt der Lehrer uns Frauen, nicht die Führung zu übernehmen, uns nicht zu kräftig am Mann festzuhalten, dem Mann nicht zu «helfen». Folge einfach, lautet die Devise. Wir Frauen versuchen deshalb, uns zurückzuhalten. Wir üben uns darin, loszulassen und lassen den Mann führen. Doch es ist so schwer, so verdammt schwer. Und glaube mir, es ist nicht so einfach, wie Du denkst, dich von einem unsicheren, verwirrten männlichen Partner führen zu lassen. Aber wir geben nicht auf, wir üben uns weiter darin, wir versuchen es erneut und erneut - wir tanzen. Und während wir das tun, lernen wir Frauen, uns mit dem instinktiven inneren weiblichen Feuer zu verbinden, und die Männer lernen, sich mit ihrem maskulinen Durchsetzungsvermögen zu verbinden.
Die Männer in meinem Kurs repräsentieren eine weite Bandbreite ihrer Spezies. Ein oder zwei sind selbstsicher und fühlen sich wohl, wenn sie mich über den Tanzboden wirbeln. Reden ist nicht nötig. Dafür fehlt die Zeit. Die behutsame, aber hartnäckige Art, wie sie mich über den Tanzboden führen, sagt alles. Ich liebe diese sanft maskulinen Männer. Ich lasse mich total gern von ihnen (ver)führen, und es fühlt sich so einfach an, ihnen zu folgen, wohin sie mich auch immer bringen wollen. Andere Männer scheinen so hilflos. Es ist eine grosse Herausforderung, ihren tolpatschigen, unsicheren Schritten zu folgen. Ich empfinde Mitleid, wie sie diese Erfahrung erleiden müssen. Andere Männer vertuschen ihre Fehler, indem sie Ratschläge oder Kritik austeilen, in den wenigen Sekunden, bevor ich mich weiter zum nächsten Partner bewege.
Im Tanzunterricht ist es nicht nötig, das andere Geschlecht mit den ansonsten üblichen Qualitäten zu beeindrucken. Ausgefeilte Kommunikationsfähigkeit, berufliche Qualifikationen, finanzielle Sicherheit - die üblichen Masseinheiten für die Eignungsabklärung eines potentiellen Partners sind hier völlig irrelevant. Sogar physische Attraktivität scheint auf einmal nicht viel wert zu sein. Wie du deinen Körper bewegst ist alles, was in diesem Spiel zählt.
Während die Wochen ins Land ziehen, verbessern wir uns alle.
Es ist jetzt 7 oder 8 Monate her, seit ich mit meinem Tanzkurs begonnen habe. Mittlerweile geniesse ich das Gefühl, mich von einem Mann taktvoll führen zu lassen, der dazu fähig ist, ohne dass er ein Macho-Tyrann oder ein unsicherer Langweiler ist. Es ist ein solches Vergnügen zu spüren, wie die geschickt ausgeübte Führung eines Mannes es mir erlaubt, in meiner weiblichen Essenz zu ruhen. Meine Füsse kennen den Weg. Mein Kopf entspannt sich. Im Universum wird Einheit hergestellt. Bei unserem Tanz komme ich in Kontakt mit mir selbst als einer köstlichen, sexy weiblichen Kraft. Es gibt keinen Verlust von Autorität und nichts, was ich aufgeben müsste. Es ist, als würde ich dadurch zu einem essentiellen Teil der menschlichen Erfahrung zurückgeführt. Der Führung eines Mannes auf der Tanzfläche zu folgen, stellt sich als etwas auf natürliche Weise Glückseliges heraus. Wenn wir in Balance sind, bedarf unser Tanz keiner Anstrengung und ist zufriedenstellend. Diese Erfahrung stellt meine Hoffnung wieder her, dass das Männliche und Weibliche ein heilendes Elixier für all diejenigen sein kann, die diese inneren Kräfte in Balance zu bringen vermögen. Sie treffen sich, sie verschmelzen, sie tanzen als Eins, und Frieden wird auf mysteriöse Weise wiederhergestellt - Yin und Yang in perfekter Balance.
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