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Ich, die Heilige Hure
Maggie Tapert
Eigentlich folge ich einer Berufung, wie ein Pfarrer oder eine Ärztin. Nur wenige verstehen, worum es wirklich geht, aber das macht nichts. Ich habe mit der Zeit entdeckt, dass es die Essenz dessen ist, was ich bin, und das ist alles, worauf es mir ankommt. Es hat meinem Körper Heilung gebracht und mein Herz für die Weite des Universums geöffnet.
Die Leute versuchen zu verstehen, wo dieses mythische Bild herkommt und wo es hingehört. Männer gehen ihre Erfahrungen durch, doch selbst in ihren wildesten sexuellen Fantasien finden sie kein Modell, das eine Erklärung anböte. Sie fragen mich: «Warum? Warum tust du das?» Tue ich's des Geldes wegen? Nein, ich verdiene dabei nichts. Sie suchen in meiner Vergangenheit nach Zeichen der Verletzung oder Enttäuschung, die eine derartige Entfernung von dem erklären würden, was wir in unserer Gesellschaft als «normales» Verhalten gesunder, gut angepasster Frauen Ausgang des zwanzigsten Jahrhunderts definieren. Grimmig halten sie an Bildern fest, die sie kennen, an das der bedürftigen Frau oder Mutter, die sich nach Sicherheit sehnt, nach Partnerschaft, wahrer Liebe, Heim, Familie, nach Werten, die von der Gemeinschaft akzeptiert werden.
Das ist die Frau, die wir kennen- und liebengelernt haben. Wo kommt diese andere her, wo passt sie hin, und was ist von ihr zu halten? Halten wir es aus, dieses unerklärliche Wesen unter uns zu haben? Dirne, Hure, Schlampe, Nymphomanin, Hexe, sexuelle Heilerin, Verwandlerin, Priesterin, Göttin ? wie ist sie zu benennen? Und wenn wir Platz schaffen für sie in unseren Herzen, in den Köpfen und in der Welt, was wird dann aus unseren wohlüberlegten, festgefügten Werten und Formen? Und sollte diese Frau tatsächlich heilig sein und nicht profan, wie fest bleibt dann der Boden, auf dem wir stehen?
Es regnete wie verrückt an jenem Tag. Mit einem Stoss Papier und Zeitschriften, für die in den letzten Monaten keine Zeit gewesen war, hatte ich es mir auf der roten Couch vor dem Kamin bequem gemacht. Zuoberst auf dem Stapel lag eine neuere Zeitschrift, die mir eine Freundin geschickt hatte. Ohne grosses Interesse blätterte ich darin, bis ich auf den Artikel eines Mannes stiess, der einen ungewöhnlichen Männerworkshop anbot. Jack Bonosol hatte einen Kurs entwickelt, bei dem Männer in das eintreten, was er den Tempel nennt. Dort begegnen sie der Heiligen Hure. Fasziniert legte ich die Zeitschrift beiseite, griff zum Telefon. Innert einer Stunde hatte ich Bonosol ausfindig gemacht und plauderte mit ihm, als würden wir uns schon seit Jahren kennen.
Ich sagte ihm sofort, dass ich mir sicher sei, in den Tempel zu gehören, um dort die Heilige Hure zu sein. Noch nie hatte ich etwas gemacht, das dem auch nur entfernt glich, und doch fühlte ich mich tief mit dieser Rolle verbunden. Als Jack vorschlug, dass ich am nächsten Workshop teilnehme, konnte ich es kaum erwarten. Drei Wochen später trafen wir uns zum ersten Mal.
Jacks Team besteht aus seiner Frau Sally, zwei Männern, die als Assistenten die Männergruppe unterstützen, und zwei Heiligen Huren: Laura ist Autorin. Sie arbeitete vorübergehend als Prostituierte, als sie in ihren Zwanzigern war. Jetzt lebt sie mit ihren beiden halbwüchsigen Töchtern zurückgezogen auf dem Lande und schreibt ihren ersten Roman. Julie ist Malerin und hofft, eines Tages mehr Zeit der Kunst widmen zu können und weniger dem Geschäft, mit dem sie ihr Brot verdient.
Auch andere Frauen haben sich schon wie ich für Bonosols Arbeit interessiert. Um solche Kandidatinnen in den Workshop zu integrieren, schufen Sally, Julie und Laura das, was sie den Harem nennen, einen den Frauen vorbehaltenen Ort, wo sie sich wohlfühlen und unter sich sein können. Ein Harem ist traditionell ein sicherer Ort für Frauen. Um dieses Konzept an heutige Verhältnisse anzupassen und es zugleich von der männlichen Dominanz zu befreien, leben die Frauen während des Kurses zusammen in einem abgeschiedenen Bereich. Kurze Besuche der Männer werden unter der Anonymität des Schleiers eingeplant. So ausgestattet, wollen wir das exotischste und geheimnisvollste aller Wesen beobachten und mit ihm in einen Austausch treten: den Mann.
Die Regeln des Harems sind klar: Innerhalb unseres Bereichs geniessen wir jede Bewegungsfreiheit, doch wenn wir den Harem verlassen, dürfen wir nicht sprechen und bleiben verschleiert. Anfangs kann ich mir nicht vorstellen, wie das funktionieren soll. Von Sally erfahre ich, dass wir zu dem werden sollen, was sie eine ìPräsentation weiblicher Energie» nennt. Im Spiel, auf das wir uns nun einlassen, sind wir nicht Maggie, Julie und Laura, sondern Frauen ohne individuelle Persönlichkeit. Ich frage mich, wie diese Art von Anonymität sich anfühlen wird und bin neugierig auf deren Möglichkeiten. Kopfüber tauche ich ins Geschehen ein.
Am nächsten Morgen spüre ich plötzlich die Gegenwart der Männer im Haus. Obwohl wir sie noch nicht gesehen haben, überrascht es mich, wie dramatisch die Energie des Ortes sich durch ihre Ankunft verwandelt. Ich nehme es körperlich wahr als eine Art Nervosität in der Magengrube, wo sich Aufregung und Angst vermischen. Jack und seine Assistenten sind unten mit den Männern beschäftigt, während ich eine letzte Tasse Kaffee und ein warmes Zimtbrötchen geniesse, jetzt froh darüber, dass wir in unserem Frauenbereich behütet sind.
Wir sind sechs Frauen, vier vom Team und zwei weitere Teilnehmerinnen, und freuen uns alle auf das, was der Tag bringen mag. Ungeschminkt sitzen wir im Morgenrock rund um den Tisch; wir gähnen und lächeln einander zu. Es fühlt sich gut an, mit diesen Frauen zu sein. Speziell und gleichzeitig auch wieder völlig vertraut, als hätte ich immer schon ausschliesslich mit Frauen gelebt.
Sally blickt auf die Uhr und springt auf: «Wir müssen uns sputen, denn wir haben noch viel zu tun.» Sie öffnet einen grossen Koffer und leert dessen Inhalt vor uns auf dem Boden aus: Seidentücher und Stoffstücke in jeder Grösse und in allen Farben des Regenbogens purzeln auf einen Haufen. Sie öffnet weitere Behälter, die mit Schmuck und Schminke gefüllt sind. Methodisch breitet sie alles auf niedrigen Tischen aus. Wir holen verschiedene Matratzen herbei, so dass sich um den Haufen Stoffe in der Mitte des Zimmers ein Kreis bildet. Innert Minuten spielen wir wie kleine Mädchen miteinander das Spiel des Verkleidens.
Mit gegenseitiger Hilfe gelingt es uns irgendwie, uns anzuziehen und zu verschleiern. Aber wir scheinen dafür Ewigkeiten zu brauchen. Ich wähle eine hauchdünne weisse Tunika, die sanft auf den Spitzen meiner Brüste ruht. Sie ist fast durchsichtig. Durch die seidenen Falten zeichnet sich das krause Dreieck meiner Schamhaare ab. Als mein blau-goldener Schleier endlich sitzt, umrande ich meine Augen mit einem dunklen Kholstift und trage eine dicke Lage Maskara auf. Ich stelle mich vor den Spiegel: Die Verwandlung ist erstaunlich.
Bis ich mich daran gewöhnt habe, dauert es eine Weile, doch jetzt fühleich mich in diesem Haremspiel wie zu Hause und schaue mich nach den anderen Frauen um. Es ist schwer, einander nur anhand der Augen zu erkennen. Ich beginne auf Körperhaltung, Bewegung und Energie zu achten. Es scheint, als träten nun, wo das Gesicht versteckt ist, gewisse individuelle Merkmale nur um so auffälliger hervor.
Wir sind bereit für den ersten Besuch bei den Männern. Dass Frauen im Haus sind, wissen sie, aber sie wissen nicht, wann wir auftauchen werden und dass wir verkleidet sind. Barfuss steigen wir die steilen Stufen hinunter und stellen uns in unserer ganzen Pracht im Gang vor dem Seminarraum auf. Mit einem Mal überkommt mich eine schreckliche Angst, die ich nicht verstehe. Mein Bauch fühlt sich wie eingefroren an, und ich kann kaum atmen. Sally öffnet die Tür, wir schweben in den Raum.
Ich sehe zwölf Männer von Sonne beschienen in einem Kreis auf Polstersesseln. Bonosol sitzt bei ihnen. Als wir eintreten, hört er zu reden auf. Es wird ruhig. Da wir barfuss sind, hört man nur das Rascheln unserer Kleider, während wir uns in die Mitte des Kreises begeben. Die Assistenten springen auf und legen für uns Kissen auf den Boden. Als wir es uns alle bequem gemacht haben, wird es wieder ruhig. Ich beobachte die Männer. Manche sehen uns direkt an, andere schauen auf den Boden oder zum Fenster hinaus und wagen nur ab und zu einen Blick auf uns zu werfen. Mein Schleier bietet mir ein Versteck, doch ich beginne mich zu fühlen, als müsste ich in den Falten der Seide ersticken. Verflixt. Warum habe ich mich bloss so fest in diesen Stoff eingeschnürt? Noch immer wird kein Wort gesprochen. Wieder blicke ich zu Bonosol. Er beobachtet uns und zugleich die Männer. Unvermittelt springt er auf, geht im Kreis herum und fragt uns Frauen: «Ist es dir bequem? Geht das so für dich? Brauchst du vielleicht noch ein Kissen?» Dann setzt er sich wieder, und im Raum herrscht erneut Schweigen.
«Meine Herren, wo waren wir stehengeblieben?» Ruhe. Die Männer wirken mutlos. Eine unbekannte Angst hat sie verstummen lassen. Die Energie im Raum fühlt sich schwer an. Ich kann kaum atmen, am liebsten möchte ich aufspringen und ein Fenster aufreissen oder mich bequemer lagern. Stattdessen halte ich mich ruhig hinter meinem Schleier versteckt. «Ich weiss nicht, wie es euch ergeht, doch mein Puls rast derzeit gerade auf rund zweihundert. Fühlt ihr das auch? Erstaunlich!» spricht Bonosol in den stillen Raum hinein. Ich bewege den Kopf, und ein Mann blickt mir direkt in die Augen. Ich schaue zurück und halte ihm stand, bis mein rasendes Herz mich dazu führt, die Augen zu senken wie eine zaghafte Jungfrau.
«Spürt ihr das, Männer? So fühlt es sich in Wirklichkeit jedes Mal an, wenn ihr einer Frau begegnet. Vielleicht habt ihr mit der Zeit gelernt, die Heftigkeit dieses Gefühls zu übergehen. Vielleicht habt ihr gelernt, es mit einem klugen Satz zu überspielen, damit ihr nicht dasteht wie völlige Idioten. Aber das hier ist die Wirklichkeit. Dieser rasende Puls, das Zerren im Gedärm ? Herrgott, ich weiss nicht, wie es euch geht, aber mein Körper spielt verrückt.»
Er steht auf, geht von einer Frau zur anderen und erkundigt sich, ob wir uns wohlfühlen. «Wie steht es um deine Füsse? Sind die warm genug?» fragt er mich und berührt meine Füsse, um sich zu vergewissern. Die Art seiner Berührung ist warm und stark, seine Hände fein und sinnlich. «Du meine Güte, diese Füsse sind ja eiskalt», bemerkt er und wendet sich dem Mann zu, der mir gegenüber auf der Couch sitzt. «Willst du diese Frau etwa hier sitzen und sich zu Tode frieren lassen? Komm schon!» Der Angesprochene springt auf, setzt sich vor mir auf den Boden und nimmt meine Füsse andächtig in seine Hände. Zärtlich drückt und streichelt er sie. Er ist mittleren Alters, hat schütteres Haar und trägt eine Hornbrille. Gelegentlich schaut er zu mir auf, als suche er mein Einverständnis. Bonosol geht reihum und bringt die Männer in Kontakt mit den Frauen über deren Füsse. Dann beobachtet er die Männer, während sie damit beschäftigt sind, uns die Füsse zu massieren. Schliesslich sagt er: «Wir machen jetzt eine Pause. Die Frauen gehen zuerst. Vielen Dank, meine Damen.» Ich stehe auf. Der Mann vor mir erhebt sich ebenfalls. Sehnsüchtig blickt er mir in die Augen. Ich nicke ihm zu und versuche, meine Akzeptanz und Wertschätzung über die Augen mitzuteilen. Wir verlassen den Raum und entschweben über die lange Treppe in unseren Harem.
Es ist Samstagmorgen. Wieder sitzen wir in Morgenröcken am Frühstückstisch ? in einer Vertrautheit, als seien wir schon ewig beisammen. Es geht um das Tempelritual, das für heute Abend auf dem Programm steht. Laura erklärt, dass diese Tradition ihre Wurzeln in vorpatriarchalischen Kulturen hat. Vor Tausenden von Jahren, als die Grosse Göttin verehrt wurde und die Frau in all ihren Aspekten im Mittelpunkt der Gesellschaft stand, war der Beruf der Tempeldirne hochgeschätzt. Auserwählte Frauen widmeten damals ihr Leben dem Tempeldienst. Mit Bedacht macht uns Laura mit den Energien verschiedener Göttinnen vertraut, die im Tempel dargestellt und verehrt wurden: Aphrodite, Astarte, Isis, Hestia, die Grosse Mutter.
Laura erklärt uns, dass nur Frauen, die aktiv dienen, an diesem Ritual teilnehmen können. Da sie nicht weiss, was «Dienen» in diesem Zusammenhang bedeutet, fragt eine Frau: «Heisst das, dass ich mit jedem Mann schlafen soll, der mich haben will?» Als Laura diese Frage bejaht, kommt es zu einem längeren Gespräch, in dessen Verlauf die Frauen laut darüber nachdenken, ob sie bereit sind, einen solchen Dienst zu versehen. Die beiden Teilnehmerinnen sind von Angst überwältigt, und nach längerer Diskussion kommen wir überein, dass sie nicht am Ritual teilnehmen werden. Ich höre vorerst nur zu.
«Ich möchte meine Rolle im Tempel neu definieren. Etwas in mir hat sichverändert.» Wir wenden uns Julie zu, welche diese Sätze gesprochen hat. Sie ist eine der Heiligen Huren, von denen erwartet wird, dass sie heute Abend dienen soll. Mein Herz schlägt so laut, dass ich meine, alle Anwesenden müssten es hören. Es entsteht eine Pause. Stille überkommt die Runde. Ich räuspere mich. Alle blicken zu mir. «Ich möchte Julies Platz einnehmen», sage ich knapp und bestimmt. «Bist du sicher?» fragt Sally. Ohne Zögern erzähle ich alles, was ich über meinen Platz im Tempel weiss. Ich spreche eine ganze Weile, die Worte kommen, ich weiss nicht woher. Es scheint, als hätte ich schon immer auf diesen Augenblick gewartet, auf diesen wirbelnden Tanz mit etwas Unbekanntem und Vertrautem zugleich. Wir vereinbaren, dass Julie mich in dieser Nacht einweihen wird. Sie wird mir zur Seite sein, wenn ich zum ersten Mal den Pflichten der Heiligen Hure nachkommen werde.
Den ganzen Tag über sind wir mit dem Ritual beschäftigt. Nach dem Mittagessen bereiten wir den Raum vor. Mit viel Begeisterung stürzen sich die Frauen auf die Vorbereitungen. Wir behängen die Wände mit exquisiten Stoffen und stellen zwei Betten auf, jedes von einem hauchdünnen Vorhang umhüllt. Ich beobachte die anderen, sehe ihre fröhlichen Gesichter, und doch fühle ich mich ihnen irgendwie fremd. Stattdessen verlangt mein Körper gebieterisch nach Aufmerksamkeit. Ich fühle mich eigenartig beschwert und muss im Verlauf des Nachmittags häufig aufs Klo. Mir fällt auf, wie heiss mein Bauch ist und dass er auf ungewöhnliche Art pulsiert. Als würde sich mein Körper auf etwas vorbereiten, von dem mein Verstand nichts weiss.
Als wir gebadet haben, lassen Laura und ich uns eine halbe Stunde lang von den anderen Frauen mit einem wohlriechenden ÖI massieren. Zum ersten Mal an diesem Tag entspanne ich mich. Die tiefen Striche liebevoller Hände helfen mir, in meine Mitte zurückzufinden. Die anderen sind so freundlich und fürsorglich zu mir! Ich liebe ihre Berührungen und möchte am liebsten in ihrer sicheren Gegenwart verweilen. Allzu bald ziehen sie ihre Hände zurück, und ich spüre, wie schnell die Zeit vergeht. Dann kleiden wir uns an. Laura zieht schwarze, ich weisse Wäsche an. Beide tragen wir ein enges Korsett, das uns einschnürt, sowie Strümpfe. Beide erhalten wir ein einfaches, schmuckloses schwarzes Kleid zum Darüberziehen und einen dunklen Spitzenschleier. Als wir alles anhaben, sehen wir beinahe identisch aus.
Die Frauen bilden einen Kreis um uns herum, und gemeinsam beten wir zur Göttin und bitten sie um Ihren Segen für die Handlungen des Abends: «Herrin, oh Grosse Göttin! Mutter von allem Seienden! Ergiesse dein segnendes Licht über dieses Ritual, über diesen Akt der Liebe! Öffne unsere Herzen für alle, die dich wahrhaftig suchen! Mögen Lust und Freude zu allen Zeiten vollendete Formen deiner Verehrung sein!» Julie tritt auf mich zu und hängt mir einen Talisman um den Hals. «Das habe ich immer getragen», sagt sie. «Es ist ein Bildnis der Isis. Jetzt gehört es dir. Die Göttin segne dich.»
Die Frauen verlassen uns. Laura und ich nehmen unsere Plätze ein und warten wie zwei dunkle Königinnen auf die Ankunft der Männer. Julie sitzt auf einer Couch hinten im Raum. Sie scheint zufrieden mit ihrer sich neu abzeichnenden Rolle. Laura und ich sehen einander an und lächeln uns durch die Schleier zu. Sie drückt meine Hand, als die Türe aufgeht, und die Männer ruhig in den Tempel treten.
Jeder Mann bringt ein Geschenk mit. Einer nach dem anderen treten sie vor und überreichen uns ihre kleinen Liebesgaben. Ihren Gesichtern kann ich entnehmen, dass sie leicht eingeschüchtert sind vom Raum, den wir geschaffen haben, und dass sie uns äusserst respektvoll begegnen. Sie haben für diesen Abend alle ein Pseudonym angenommen und stellen sich uns vor, als sie mit ihrer Gabe vor uns knien. «Guten Abend. Ich bin Vladimir», sagt ein grosser Mann mit sandfarbenem Haar. Er wirkt massiv und stark und blickt mir beim Sprechen direkt in die Augen. Wie für einen besonderen Anlass gekleidet, trägt er eine Fliege über einem blütenweiss gestärkten Hemd. Er reicht mir eine einzige rote Rose. «Die Göttin segne dich, Vladimir», erwidere ich. «Mein Name ist Isis.» Ich spreche zum ersten Mal, und deutlich wahrnehmbar überkommt mich ein Schub Kraft, als ich begreife, dass ich nun eine andere Identität angenommen habe, die von niemand hinterfragt wird, nicht einmal von mir selber.
Als alle Gaben auf dem Altar ausgebreitet sind, spielt Laura ein verführerisches Spiel, um die Männer dazu zu bringen, sich ihrer Kleider zu entledigen. Ich bewundere ihre Anmut und ihren Charme. Mein Mund fühlt sich trocken und klebrig an, und ich schwitze bereits vor Nervosität. Die Männer sind ebenfalls nervös, doch es gelingt Laura, ihnen ein Kleidungsstück nach dem anderen abzuluchsen, bis sie nur in Unterhosen dastehen und ein grosser Haufen Hosen und Hemden in einer Ecke liegt. Vladimir ist nackt, hat aber seine Fliege anbehalten. Auch er hat sich für diese Gelegenheit eine neue Rolle zugelegt und scheint sich prächtig darin zu gefallen. Er spricht mit einem russischen Akzent und fällt während des ganzen Abends nicht ein einziges Mal aus der Rolle.
Musik erklingt. Früher an diesem Tag habe ich sorgfältig ein Stück von Annie Lenoxí CD Diva ausgewählt. Schwül ist der richtige Ausdruck, um diese Musik zu beschreiben, und sie bringt mich in die richtige Stimmung. Ich stehe auf und lege zum ersten Mal in meinem Leben einen Strip aufs Parkett. Die Männer sind auf Kissen gelagert, während ich auf Bleistiftabsätzen vor ihnen tanze. Gebannt wie kleine Jungen im ersten Pfadfinderlager blicken sie zu mir auf. Ich fühle mich sicher, stark und habe keine Angst, ihnen meinen Körper zu zeigen, ihnen zu zeigen, wer ich wirklich bin.
Ich trete auf sie zu, setze meinen Fuss in den Schritt eines Mannes. Sanft presse ich den spitzen Absatz gegen ihn; er hebt die Arme und fährt zärtlich über Strumpf und Bein. Wohl spielt er mit meinem Straps, doch ihn zu öffnen traut er sich nicht. Ich gehe zum nächsten Mann und streichle seine Glatze, beuge mich vor und begrabe seinen Kopf in meiner Brust. Ich spüre, wie er zittert, ob aus Angst oder ob er es geniesst, weiss ich nicht. Ich führe seine Hände zum Gummiband an meinem Höschen, langsam zieht er es mir aus und lässt es zu Boden fallen. Damit erntet er bei den anderen Männern lauten Beifall. Nervös lacht er zu ihnen rüber und lächelt dann mich an. Ich steige aus meinem Höschen und trete es weg. Ich schwitze wie wild und habe meinen eigenen Geruch in der Nase. Es riecht nach Sex und nach Tier, und das macht mich geil.
Ich spüre, wie die Männer zwischen mir und Laura wählen. Sie beobachten uns, unschwer erkenne ich, wer von mir gefesselt ist. Manche scheinen überwältigt zu sein und schon beinahe Angst vor mir zu haben. Ich fühle mich stark und froh und halte mich nicht zurück. Ich stehe wie unter Strom, mich durchpulst eine Energie, die mir nicht bekannt ist, ich bin ekstatisch, wild, unkontrolliert und könnte laut schreien und vor Lebensfreude einen Orgasmus haben, während diese Männer mir zuschauen. Die Musik geht zu Ende. Ich höre auf zu tanzen und stelle mich vor ihnen auf, noch immer im Mieder. Mit beiden Händen werfe ich ihnen Kusshändchen zu und fühle mich dabei wie Marilyn Monroe. Dann schreite ich zu meinem Bett. Die Männer klatschen. Vladimir applaudiert und ruft: «Bravo! Bravo! Encore!»
Laura und ich lassen uns auf die Betten nieder. Die Männer sitzen am anderen Ende des Raums beisammen und beobachten uns durch den dünnen Vorhang, der unsere Betten umhüllt. So können sie dabei zusehen, wie einer von ihnen mit uns Priesterinnen schläft, doch wenn sie an der Reihe sind, werden auch sie beobachtet werden. Nervös, aufgekratzt, begeistert, ausgehungert und erregt in einem, kann ich mir nichts Aufregenderes vorstellen. In meinem ganzen Leben habe ich mich noch nie so sehr am richtigen Platz gefühlt wie hier!
Der erste Mann tritt zu mir ans Bett. Da steht er, schaut verlegen durch den Vorhang und wartet auf eine Einladung, ehe er zu mir reinklettert. «Ich bin Odysseus», stellt er sich verschämt vor. Er dürfte Anfang Vierzig sein und sieht nicht schlecht aus mit seinem braunen Haar und seiner braungebrannten Haut. Er trägt immer noch seine hellblauen Boxershorts, aber ich sehe, dass er einen Ständer hat. Ich bin nervös, gleichzeitig ist mir klar, dass er mehr Angst hat als ich, weshalb ich beschliesse, die Führung zu übernehmen. «Willst du deine Unterhose nicht ausziehen?» frage ich ihn, worauf er sie wortlos fallen lässt und sich neben mich legt. Ich trage immer noch das Mieder. Die Spitzenhandschuhe ziehe ich aus und lege sie sorgfältig neben den Vorrat an Kondomen und die Tube mit dem Gleitmittel.
Ich bin nervös und erregt zugleich und bin mir nicht sicher, was zu tun ist, damit mein Partner sich entspannt. Deshalb beschliesse ich, einfach ruhig zu bleiben und mich berühren zu lassen. Er streichelt zuerst meinen Arm, dann meine Brust. Seine Berührungen sagen mir, dass er nicht viel Erfahrung hat. Seine Hände sind feucht und hüpfen auf meiner Haut herum. Ich bleibe ruhig und erlaube ihm, meinen Körper in Ruhe zu erkunden. Als ich mich ihm schliesslich zuwende und meine Hand sanft auf sein hartes Glied lege, kommt er sofort. Ich fühle die Feuchte und bin verwirrt. Er schämt sich und sagt: «Das hätte ich dir sagen sollen. Ich war so stark erregt. Mit dem Warten habe ich Mühe.» Beide sind wir enttäuscht. Ist es meine Schuld? Mit schweissnasser Stirn liegt er neben mir. Mir fällt nichts ein, was trösten könnte. Das Ganze hat weniger als fünf Minuten in Anspruch genommen.
Als er mein Bett verlässt, spüre ich, wie mich das Bedürfnis zu weinen überkommt. Ich fühle mich als Versagerin! Es muss wohl alles meine Schuld sein. Während ich zunehmend in Selbstmitleid versinke, taucht Julie hinter mir auf. Sie fühlt meine Enttäuschung und erklärt mir, die anderen Männer seien dabei, meinen ersten Partner zu trösten. Ich werde heute Abend noch andere Partner haben. Sie berührt mich sanft, massiert meine Schultern und erinnert mich daran, dass das, was passiert ist, sein Problem ist und nicht meines. Es liegt an ihm und nicht an mir. Die Männer kommen zu mir in den Tempel, um zu lernen, um etwas über sich selbst und über das zu erfahren, was sie gefangen hält. Aus dem, was sie tun, müssen sie ihre eigenen Schlüsse ziehen; sie müssen selber lernen, ihre Verhaltensmuster zu verstehen. Ich bin das heilige Gefäss, das ihnen für diese Lektionen offensteht. Ich bin das Geschenk. Sie müssen lernen, es zu empfangen.
Bobby vom Team kommt mit einem eiskalten Handtuch zu mir und reibt mich ab wie ein Rennpferd nach dem grossen Derby. Weil ich so verschwitzt bin, fühlt es sich herrlich an. Er reicht mir ein Glas Champagner und bietet mir eine mit einer Nuss gefüllte Dattel an. Das Bedürfnis zu weinen weicht von mir, und ich fühle mich wieder mit dem Zentrum des Friedens in mir verbunden. Schliesslich fragt Bobby: «Bereit für den nächsten?» Und ehí ich mich versehe, steht der nächste Mann am Vorhang.
Die Männer sind so verschieden wie Tag und Nacht. Dieser ist nicht gross, aber gut gebaut und bedeckt von dunkelblondem Haar. Voller Selbstvertrauen betritt er meinen Bereich, gibt sich wie ein Hungriger, der sich auf ein Festessen freut. Alles in mir erwacht, als er mich leidenschaftlich in seine Arme schliesst. Seine Erregung ist ansteckend; wortlos lachen und kichern wir zusammen. Er berührt mich überall, untersucht meinen Körper, um herauszufinden, wer ich bin, und mich rundum kennenzulernen. «Darf ich dir das Korsett abnehmen?» fragt er mich erregt und beginnt, es von hinten aufzuhaken. Als es von mir abfällt und meine Brüste hinauskullern, fällt er über sie her. Er saugt an beiden Brustwarzen, küsst sie, bis sie aufstehen und bewegt sich dann nach unten, wo er meinen Bauch küsst.
«Mein Gott, du bist so schön», bemerkt er mit trunkener Stimme. Ich fühle mich, als sei ich zum ersten Mal verliebt. Seine Berührung ist mir vertraut und doch auch wieder neu. «Darf ich dich lecken?» fragt er mich, lässt sich zwischen meinen Beinen nieder und beginnt mich zu lecken und zu saugen, während seine Finger die Öffnung suchen. Wer ist dieser Mann? Was geschieht hier? Ich mache nichts, lehne mich einfach zurück, geniesse es und sehe diesem Fremden zu, wie er mich verehrt. Mich? Geht es um mich oder vielmehr um die Göttin, die in mir lebt? Jenes wilde, hemmungslose, freie Wesen, das sich in meinem Fleisch versteckt? Der Teil von mir, der frei fliesst und allem gegenüber offensteht ? das ist der Altar, an dem er jetzt seine Andacht hält ? nichts anderes. Ich geniesse seine Zuwendungen zutiefst und beginne zu keuchen vor wachsender Erregung.
Als ich die Augen öffne, sehe ich, dass alle Männer vom anderen Ende des Raums aus schweigend zusehen. Manche haben sich erhoben, um mich besser sehen zu können. Dass man mich beobachtet, während ein Fremder mir solche Lust bereitet, lässt mich einen ekstatischen Orgasmus erfahren. Mit einem Mal schreie ich und lache vor Ausgelassenheit und Freude. Als ich mich schliesslich beruhige, setzt er sich mit einem Lächeln und einer prächtigen Erektion auf. Ich reiche ihm ein Kondom; er reisst das Päckchen mit den Zähnen auf und rollt sich den Pariser konzentriert über den Schwanz. Dann lächelt er mir zu ? auf ins Turnier!
Ich blicke zu Laura und sehe, wie ihr Hintern hüpft, während sie auf dem anderen Bett ihren Partner nach allen Regeln der Kunst vögelt: Eine bukolische Szene, reich und ausgelassen. Ich blicke zu meinem Partner auf. Sanft führt er seinen Schwanz in mich hinein, und wir versuchen, einen Rhythmus zu finden. Die ersten paar Minuten fühlt es sich himmlisch an, doch dann merke ich, dass er weich wird. Er zieht ihn raus und fängt gedankenverloren an, meine Schamlippen mit seinem halberegierten Schwanz zu streicheln. Wir sprechen nicht. Als ich mich frage, was ich unternehmen soll, taucht Julie hinter meinem Partner auf. «Entspannt euch einfach», fordert sie uns auf und beginnt, ihn am unteren Teil seines Rückens zu massieren und mit Öl einzureiben. Er stöhnt auf vor Lust. Sie lässt etwas Öl zwischen seine Hinterbacken fliessen und massiert ihn mit geübter Hand an Hoden und Anus. Auf Händen und Knien hält er sich über mir, seine Augen schliessen sich. Während Julie ihn streichelt, wird er wieder steif. Er stöhnt und drängt mit dem Hintern gegen ihre forschenden Hände. «Steck ihn jetzt wieder in sie rein», flüstert sie ihm zu. Er öffnet die Augen und schiebt seinen prallen Schwanz zum Eingang meiner Yoni. Während er sich in mir zu bewegen beginnt, massiert Julie ihn weiter zwischen den Pobacken. Sie lässt nicht locker und lächelt mir durch ihren hauchdünnen roten Schleier verschwörerisch zu. Die Frau weiss, was sie macht! Als es ihm mit tiefem Lustschrei kommt, lässt er sich auf mich fallen. Die anderen Männer jubeln uns zu, und alle drei lachen wir wie kleine Kinder.
Vom Bett aus beobachte ich die Männer und bin völlig zufrieden. Mir wird klar, dass ich nicht den Wunsch verspüre, diesen Mann über diese Nacht hinaus kennenzulernen. Ich habe etwas Wunderbares mit ihm erlebt, und jetzt bin ich es zufrieden, ihn ganz loszulassen. Tatsächlich erfüllt mich dieses Loslassen gar mit Freude. Die Männer lagern in ihrer Ecke, gelegentlich lachen sie, geben Unverständliches von sich und klatschen sich auf den Rücken. Bei ihnen möchte ich nicht sein. Ich bin froh zu wissen, dass ich mit einem von ihnen schlafen kann, ohne zu ihm oder irgendwem sonst zu gehören. Glücklich ruhe ich auf meinem Bett. Was für ein Vergnügen, den süssen, sinnlichen Geruch der Lust riechen zu dürfen, ohne mit jemandem reden zu müssen. Ich werde sehr still, spüre, dass ich diesen Mann liebe, alle Männer liebe. Einen Augenblick verweile ich in dieser Liebe des Loslassens und der Befreiung. Ich bin voll der Freude.
Vladimir lugt durch den Vorhang meines Betts. Ich freue mich sehr, ihn zu sehen, ihn mit der niedlichen Fliege, die er immer noch ordentlich umgebunden trägt und sonst nichts. Er hat eine kleine Flasche Champagner dabei, und als er auf mein Bett klettert, schlägt er mit waschechtem russischem Akzent vor: «Liebling komm, lass uns etwas trinken.» Er holt einen meiner hochhackigen Lackpumps vom Boden, füllt ihn bis oben hin mit Champagner und bietet mir den ersten Schluck an. Auch wenn es nach abgestandenem Schuh riecht, schmeckt es herrlich. Der reife Geruch meines Körpers dringt mir in die Nase, und ich geniesse das ungemein. Ich empfinde nichts von meinem üblichen Ekel vor Körperausdünstungen ? im Gegenteil, ich fühle mich lustvoll und weiblich.
Vladimir meint, er möge heute abend nicht vögeln. «Lass uns reden», schlägt er vor. Ich lehne mich zurück und blicke ihn an. Locker lässt er seine Hand auf meinem Schenkel ruhen, schlürft Champagner und bewegt seine Finger langsam auf meine Yoni zu. Während er sich mit mir unterhält, beginnt er meine Schamlippen zu streicheln und massiert mit einem Finger sanft meine Klitoris. Ich wende die Augen nicht von seinem Gesicht ab, und er spricht über Mythologie, Göttinnen und die Welt, während seine Finger mich sanft verführen. Ich bin völlig entspannt, ohne Zwang, irgend etwas zu tun. Seine Berührung verrät mir, dass er mit dem weiblichen Körper bestens vertraut ist. Er ist gewandt und selbstsicher. Als er mit dem Champagner fertig ist, ist er es auch mit mir. Daraufhin küsst er mich auf Wangen und Mund, zieht mir den Schuh an und umarmt mich lange Zeit voller Liebe. «Danke, ich werde dich nie vergessen», sagt er zu mir. Dann kehrt er glücklich in den Männerkreis zurück, wo ihn die Runde herzlich aufnimmt.
Der Abend ist beinahe gelaufen. Laura hat noch einen Mann bei sich. Sie spielt mit ihm, um das Ende hinauszuzögern. Als ich mich im Raum umsehe, fühle ich mich zutiefst befriedigt. Julie tritt herbei und unterbricht meine Träumerei. «Du bist eine wahre Priesterin! Du warst einfach fantastisch!» sagt sie begeistert. Ihr Lob entzückt mich. Als schliesslich auch Laura fertig ist, stellen wir uns alle drei den Männern gegenüber auf. Arm in Arm, einige nackt, andere in Unterhosen, schauen sie zurück. Ich spüre, wieviel Achtung beide Seiten einander entgegenbringen. Wir wünschen ihnen eine gute Nacht und verabschieden sie mit dem Segen der Göttin.
Bonosol kommt nicht in den Tempel. «Das ist Territorium der Frauen, da gehöre ich nicht hin», sagt er zu mir. Am anderen Morgen treffen sich die Männer mit ihm, um ihre Erfahrungen auszutauschen. Wir Frauen verlassen unseren Harem und gesellen uns, nach wie vor verschleiert, dazu. Wir sind neugierig auf ihr Feedback. Für die meisten Männer ist das eine Zeit der Zärtlichkeit und tiefen Selbstgewahrseins. Ehrlich sprechen sie über Erfolge und über das, was sie als Niederlagen empfinden. Bonosol hört interessiert zu, stellt hier und da eine Frage oder vermittelt eine Einsicht. Ich fühle mich privilegiert, den Männern bei derart intimem Austausch zuhören zu dürfen, und ich bin gerührt, sie ihre Wertschätzung für die Heilige Hure und alles, was sie im Tempel über sich selbst gelernt haben, auf so vielfältige Weise ausdrücken zu hören.
Zwei Wochen darauf erreicht mich eine Postkarte, die mir über die Kursorganisation zugestellt wurde. Sie zeigt die Skulptur «Die Liebenden» von Rodin. Da steht geschrieben: «An meine geliebte Isis. Ich danke Dir für den wunderbaren Abend in Deinen Armen. Du hast mich mit offenem Herzen aufgenommen. Das ist ein Geschenk, das ich nie vergessen werde. Ich danke Dir, mein Liebling. Vladimir.» Ich lese den Text immer wieder und fühle, wie sich hinter meinen Lidern heisse Tränen bilden. Ich habe einen Teil von mir entdeckt, den ich zuvor nicht ergründet hatte, und ich habe einen Ort gefunden, der mir vertraut ist, ein Gebiet, in dem ich mich auskenne. Warm sind die Tränen auf meinen Wangen. Ich lasse sie fliessen.
Das erste solche Tempelritual ereignete sich für mich vor gut zwei Jahren. Seitdem bin ich viel herumgekommen und habe im Rahmen des heiligen Rituals viele wunderbare Männer und Frauen kennengelernt. Für diese Begegnungen bin ich dankbar, sie haben mein Verständnis sexuellen Heilens vertieft und mein persönliches Wachstum gefördert bis hin zu echter Freiheit und Autonomie. Möge diese Reise weitergehen und möge sie erfüllt sein von Freude und Akzeptanz, nicht nur für mich, sondern für alle, denen ich unterwegs begegne.
Übersetzung: Susanne G. Seiler
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