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Ode an die Klitoris
Maggie Tapert, 03.2003 "Manche Menschen sehen Dinge, wie sie sind, und sagen warum, ich erträume Dinge, die es bisher nicht gegeben hat, und sage warum nicht." - George Bernard Shaw Habt ihr schon von der populären Bewegung gehört, die durch Westeuropa fegt und KLITORISRAUB genannt wird? Klitorisräuber hat es eigentlich schon immer gegeben, auch wenn ihr sie oder ihre verdeckte Arbeit vielleicht noch nicht bemerkt habt. Die erklärte Mission im Leben dieser Räuber besteht darin, die alte Tradition fortzusetzen, Frauen passiv, ruhig und gehorsam zu halten so, daß sie möglichst keine Probleme bereiten. Ich spreche nicht von einem bizarren Kult der genitaler Verstümmelung, bei dem Messer oder scharfe Steine die Sache erledigen. Nein, die Klitorisräuber arbeiten auf der mentalen/emotionalen Ebene, indem sie hauptsächlich Schuld und Scham als Werkzeuge benutzen, denn für Westeuropäer und besonders für Frauen ist dies die bei weitem wirksamste Technik sexueller und emotionaler Kontrolle. Die meisten Frauen, die den Körper lieben, den ihnen die Göttin geschenkt hat, haben schon lange die Mythen und falschen Auffassungen durchschaut, die durch unsere Kirchen, Politiker, Ärzte, Psychiater und andere Klitorisräuber verbreitet worden sind. Obwohl es in dieser Sache einige Konfusion gegeben hat, wissen wir durch unsere persönliche Erfahrung mit unserem eigenen Körper, daß das Hauptorgan unserer sexuellen Befriedigung unsere Klitoris ist und nicht unsere Vagina. Hallo, versteht mich nicht falsch, ich will die Vagina nicht schlecht machen. Ich mag meine, und sie ist für eine Reihe von Dingen nützlich, nicht zuletzt um Babys aus der Gebärmutter in die wartende Welt zu befördern. Doch anders als die Vagina, die an den meisten Tagen ein ziemlich dunkler und stiller Ort ist, ist unsere Klitoris mit 8000 wundervoll empfindsamen Nervenenden ausgestattet, die nur darauf warten, berührt, geliebt, gestreichelt und angebetet zu werden. Stellt euch eine Christbaum-Lichterkette vor, die an eine elektrische Steckdose angeschlossen ist und in der zauberhaftesten Weise blinkt, wenn sie angeht. Dieses wonnig-empfindliche Organ, die anatomische Entsprechung zum Penis des Mannes, hat nur eine Funktion, die seine Existenz rechtfertigt LUST. Im Gegensatz zum Penis wurde die Klitoris nicht geschaffen, um Urin oder Sperma abzugeben oder irgendeine andere praktische Funktion zu erfüllen. Die Klitoris ist tatsächlich alles andere als praktisch. Der einzige Zweck der Klitoris besteht darin, der Frau Wohlbefinden zu schenken. Reine Lust, nichts sonst. Wow, ist das nicht phantastisch! Gelobt sei die Göttin für Ihre erstaunliche Kreativität! Die Klitorisräuber von heute, die ich angesprochen habe, wollen uns zurückführen in das dunkle Mittelalter weiblicher Sexualität. Sie wollen uns überzeugen, daß "ECHTE" Frauen geduldig darauf warten, hoffen und sich danach sehnen, daß ihnen ihre Lust durch die einzige sozial akzeptierte Form bereitet wird, die unsere westliche Gesellschaft kennt die vaginale Penetration. Nach Ansicht der Räuber werden Paare, die sich jahrelang mit ihrer sexuellen Unvereinbarkeit herumgeschlagen haben (er will öfter, sie will weniger) oder die nach einer bedeutsameren sexuellen Erfahrung (kosmischer Orgasmen) streben, die Lösung des uralten Mann-Frau-Dilemmas in dieser Form sich zu lieben finden. Da ich sehr neugierig bin, nahm ich mit meinem Partner an einem dieser Programme teil und sammelte einige Erfahrungen aus erster Hand mit dem System. Das Programm bietet einige nette Techniken, die Intimität fördern, aber die wesentliche Botschaft, auf der es basiert, lautet: seid nicht so sehr auf den Orgasmus aus, besonders auf den der Frauen. Laßt den Penis in der Vagina ruhen, und irgendwann (in einigen Jahren, wenn ihr gewissenhaft übt) wird das Liebesgefühl so tief werden, daß ihr keinen Orgasmus mehr begehrt. Die Person hinter dieser aktuellen Klitorisräuber-Bewegung ist ein Mann namens Barry Long. Er lehrte seine Anhänger, daß es der Penis war, der die Wunde in der Vagina der Frauen herbeigeführt hat, und es daher der Penis sein muß, der sie heilt. Ihr würdet es kaum glauben, wenn ihr mitbekommt, wie Frauen es lieben, so etwas zu hören. Ich meine den Teil, wo der Penis zur Abwechslung mal etwas heilt. Ich bemerkte, wie ein zustimmendes Murmeln durch die Reihen der Frauen ging, als diese Märchenplattitude aufgetischt wird. Nun ja, dachte ich bei mir, der Penis (der mit einer ziemlich beängstigenden und destruktiven Kraft ausgestattet ist) hat uns in die Unterdrückung geprügelt hat Frauen vergewaltigt, gefoltert und auf dem Scheiterhaufen verbrannt, die es gewagt haben, sich gegen seine Macht aufzulehnen. Nun werden wir dazu angehalten, den Testosteron-getriebenen "Fuck and Kill"-Aspekt der unkontrollierten männlichen Energie zu vergessen und uns statt dessen auf die mitfühlende Natur des Mannes zu konzentrieren. Wenn wir nur still liegen und keine Ansprüche stellen, werden die Männer uns jetzt Heilung anstelle von Schmerzen bringen. Doch halt, halt, MOMENT MAL! Etwas an diesem Bild ist verdammt schräg. Laßt uns die Fakten in dieser Angelegenheit doch noch einmal untersuchen. Ich verstehe, daß Männer sich heutzutage in vielerlei Hinsicht bedroht und unsicher fühlen. Die Stärke der Frauen hat sowohl in beruflicher als in spiritueller Hinsicht zugenommen. Und nun wagen wir es auch noch, durchblicken zu lassen, daß wir in unserer Sexualität ebenso kraftvoll und unabhängig sein können. Hilfe, das muß wirklich beängstigend sein für die heutigen sensiblen Männer. Aber finden wir die Lösung für die Unsicherheit der Männer nur, indem wir uns von der Kraft der weiblichen Sexualität abwenden und/oder sie zerstören? Ist das nicht das Territorium, in dem wir schon während der den letzten zwei oder dreitausend Jahren bewegt haben? Weibliche Lust (und der Druck, sie zu verstehen) scheint für einige Männer eine fürchterliche Last zu sein. Es sieht so aus, als wäre das Leben für alle Beteiligten so viel einfacher, wenn die Frauen damit zufrieden wären, daß sich der Penis einfach nur in ihrer Vagina bewegt. Langweilig, vorhersehbar und einfach. Sigmund Freud erhielt seinerzeit viel Lob dafür, daß die Männer darin bestätigte, sie brauchten nur fortzufahren, den Frauen die Lust, ihre volle sexuelle Kraft zu erfahren, zu verweigern. Soweit wir wissen, hatte Freud weder eine Vagina noch eine Klitoris, doch wie viele Männer betrachtete er sich als ein Experte auf diesem Gebiet. Er benutzte seine psychoanalytische Erfahrung mit Frauen, um Spekulationen anzustellen, daß ein vaginaler Orgasmus ein reifer Orgasmus sei und ein klitoraler ein kindischer. Und Generationen von Männern und Frauen kauften ihm seine Theorie enthusiastisch ab. Barry Long und jene, die seine Theorie lehren, haben auf diese frauenfeindliche Auffassung von weiblicher Sexualität aufgebaut und bestehen weiterhin darauf, daß der Wunsch der Frauen nach klitoraler Stimulation armselig und kindisch sei. Frauen, die diese Botschaft hören, werden verunsichert, was ihren Körper und das, was ihm Lust verschafft, angeht. Sie erfahren die Reaktivierung des Schuld-und-Scham-Programms, das ihnen beim Aufwachsen in einer christlichen Kultur, die das Körperliche verachtet und ablehnt, eingeimpft wurde. Das Werkzeug der Scham Frauen gegenüber zu nutzen ist mühelos und effektiv. Es schneidet wie ein Messer. Nach Barry Longs Klitorisräuber-Programm steckt der Mann sein Ding einfach rein und das wars. Streicheln oder Lecken ist nicht nötig. Wenn sie nicht feucht wird, kein Problem unsere Lehrer empfahlen, reichlich synthetische Gleitgele zu benutzen, die die natürlichen Säfte der Frau ersetzen. Reibt oder berührt die Klitoris nicht, liegt euch einfach in den Armen und verbindet euch wieder emotional miteinander. Unglückliche Paare, die nach einer Lösung für ihr trostloses, langweiliges, unkreatives Sexualleben suchen, hoffen, daß dies das Ende ihres Ringens bedeutet. Er macht langsamer, und sie verleugnet ihre Lust. Ach, wenn es doch so einfach wäre! Es scheint unausweichlich, daß jegliche Lösung, die einem Mann als Antwort auf die heutige sexuelle Malaise einfällt, im wesentlichen auf dem wundervollen Penis und seiner alles transformierenden Kraft beruht. Wie könnte es anders sein? Doch müssen wir tatsächlich die Frauen kastrieren, um einander in einem liebenden sexuellen Tanz begegnen zu können? *** Ich glaube, daß Frauen sich von den alten Märchen, die ihr Leben so lange beeinflußt haben, verabschieden müssen, wenn es zu einem wirklichen Wandel in der Qualität und im Ausdruck unserer Sexualität kommen soll. Ihr wißt schon: das Märchen, in dem der Prinz auf seinem weißen Schlachtroß mit gezogenem Schwert angeritten kommt, um alle Hindernisse niederzumachen und sie schließlich mit seiner magischen transformierenden Kraft zu befreien. In meiner weniger romantischen Version des Märchens, reiten wir Frauen selbst das Pferd und schwingen das Schwert in unseren eigenen Händen, während wir unsere tiefe weibliche Kraft entfesseln, um "so lange sie nicht gestorben sind" glücklich in Freiheit und Freude zu leben. Was uns wirklich von den zerstörerischen Einflüssen der Klitorisräuber dieser Welt heilen kann, ist die Erkenntnis, daß das, was not tut, nicht von außen kommen wird. Was wir brauchen, wird aus dem Innern des weiblichen Selbst kommen. Wir müssen uns selbst heilen.
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