Frauen und ihr Orgasmus
Maggie Tapert, 5.2002
Was ist der Orgasmus nun eigentlich? Mir ist aufgefallen, dass wir Frauen zwar glauben, unseren Körper zu kennen, dass aber viele von uns den Orgasmus nur in einem sehr beschränkten Rahmen erleben. Das habe ich zumindest bei den hunderten von Frauen beobachtet, die an meinen Seminaren teilgenommen haben. Der Orgasmus, eine der bewegendsten und göttlichsten der menschlichen Erfahrungen, liegt für viele Frauen unter einer geheimnisvollen Nebeldecke, die aus falschen Informationen und Scham besteht und sie daran hindert, die Intensität und die Freuden, die unser Körper erzeugen kann, voll auszukosten.
Im Grunde ist der Orgasmus
Energie in Bewegung. Damit meine ich, dass die Energie irgendwo im physischen Körper ansteigt, sich ansammelt, wächst und sich ausdehnt. Wenn einmal eine bestimmte Intensität erreicht ist, beginnt diese Energiemasse alle Hindernisse und Barrieren mit explosiver Kraft zu durchbrechen. Ich stelle mir dabei einen Vulkan vor, der dem inneren Druck, der sich jahrelang unter der Erdoberfläche angestaut hat, endlich nachgibt und mit voller Gewalt ausbricht. Diese durch den Körper schiessende Energie kann als Sinnesfreude oder als Schmerz erlebt werden, je nachdem, wie viel davon wir in uns "aufladen" und wie wir die Erfahrung bewältigen; wir können uns ihr hingeben und mitfliessen oder wir können uns ihr widersetzen und sie abklemmen. Es kommt auch darauf an, wie weit wir gewillt sind, die "Türe", durch die diese Energie fliessen will, zu öffnen. Ein anderes Bild vom Orgasmus ist das des Wasserfalls, der mit ungeheurer Kraft durch eine riesige Felsschlucht rauscht. Wenn die Schlucht breit ist und weder Schutt noch andere Hindernisse sie versperren, dann fliesst das Wasser regelmassig, bis es schliesslich im darunter liegenden See oder Becken zur Ruhe kommt. Wenn aber Steine und Baumstämme der Strömung im Weg liegen, so entsteht eine Art Konflikt, der den natürlichen Lauf des Wassers stört.
Das häufigste Orgasmuserlebnis, das wir kennen, ist mit einer intensiven Stimulation der Geschlechtsorgane verbunden. Tatsächlich kann der Orgasmus aber irgendwo im Körper stattfinden. Verschiedene Körperteile können auf unseren verschiedenen persönlichen Ebenen reagieren, je nach Zeit, Umstand und Intensität. Ich hatte einmal einen Orgasmus im Herz, als mehrere Menschen mir Wellen der Liebe zusandten! Doch bleiben wir erst einmal bei dem, was die meisten Leute für den Cadillac unter den menschlichen Erfahrungen halten, dem geschlechtlichen Orgasmus.
Die meisten von uns entdeckten schon als Kinder, dass sich "die Stelle da unten" wunderbar anfühlt, wenn wir sie berühren. Ich schloss mich jeweils im Badezimmer ein, um einen erregenden Orgasmus zu erleben und ich lernte, mich auf kreativste Weise zu berühren und zu streicheln. Hände, Finger, Haarbürsten, Gemüse ich verwendete, was gerade da war, um meinen gierigen kleinen Kitzler zu stimulieren. Eines Tages entdeckte ich, dass auch ein kleiner Wasserstrahl diese himmlischen Regungen hervorrufen konnte und von da an war die Badewanne mein liebster Platz! Irgendwie spürte ich, dass dies "verbotene Freuden" waren, aber ich tat es trotzdem immer wieder und passte dabei gut auf, dass ich nicht von den anderen Familienmitgliedern ertappt wurde. Diese ekstatische körperliche Empfindung schien mir wichtiger als alle Gesetze, Regeln und Anstandssitten. Viele von uns haben durch die Masturbation erstmals die Intensität eines Orgasmus erlebt. Die Glücklichen unter uns erforschten ihre Körper danach weiter und fanden Wege, wie sie ihr Vergnügen noch weiter steigern konnten. Die weniger Glücklichen, die ihr Vergnügen vor Scham versteckten oder unterdrückten, haben später zum Teil sehr gelitten.
Es gibt viele Frauen, die noch als Erwachsene ihr eigenes Bild vom "bösen Mädchen" mit sich herumtragen und immer ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie jenes wundervolle Gefühl erleben und geniessen. Ihnen wird die Freude durch eine innere Stimme verwehrt oder gedämpft: diese erinnert sie ständig an die Schemas aus ihrer Kindheit, welche ihnen diktieren, was akzeptabel ist und was nicht. Dabei kann es sich um einen kaum bemerkbaren Einfluss handeln, den wir jedoch erkennen und von dem wir uns lösen müssen, damit wir wachsen und ekstatische Gefühle in unser Leben lassen können. Mama, die Mutter Oberin, St. Augustus oder wer auch immer darauf bestand, dass wir "schlecht" waren, weil wir Vergnügen an unserem Körper fanden, können und müssen vertrieben werden. Als Erwachsene brauchen wir ihre Belehrungen längst nicht mehr, denn sie sind kaum zu unserem Besten.
Aufgrund meiner Erfahrung weiss ich, dass mit der richtigen geistigen Einstellung und der richtigen Stimulation jede Frau zu einem Orgasmus fähig ist. Die meisten Frauen, denen ich begegne, sollten sich selbst mehr Vergnügen, mehr Freude und mehr sexuelle Erfüllung genehmigen. Zuerst müssen sie sich jedoch darüber klar werden, dass sie mehr, grössere und bessere Orgasmen wollen, und von da an ist es nur noch ein kleiner Schritt.
Hier sind einige grundlegende Punkte zur Erweiterung deines Orgasmuspotentials:
1. Lerne Ja zu sagen!
Eins dürfen wir nicht vergessen: Nur wir selbst können uns einen Orgasmus geben! Aufgrund dessen, was ihr erzählt wird, wartet manche Frau ihr Leben lang auf den Traumtyp, der von seinem Schimmel herabsteigt, einen exakten Plan ihrer erogenen Zonen im Kopf hat und genau weiss, wie er ihr ein Lusterlebnis nach dem anderen bieten kann. Sie wartet natürlich vergebens. Der ersehnte genussvolle Orgasmus kann nur dann eintreten, wenn du dir die innere Freiheit nimmst, ihn zuzulassen. Du selbst bist die Schöpferin deiner Sinnesfreuden. Niemand kann dir einen Orgasmus gegen deinen Willen entlocken und niemand kann ihn für dich "machen", wenn du dich innerlich dagegen wehrst. Der erste Schritt, den wir tun müssen, ist ein Blick in uns hinein: Wir müssen die Stelle finden, die sich dem Vergnügen voll hingeben kann. Dies kann etwas Zeit und möglicherweise Arbeit an sich selbst und den eigenen Verhaltensmustern erfordern, aber für deine Lust bist nur du selbst zuständig. Guter Sex mit jemandem, den man liebt, ist etwas Wunderbares, aber die Voraussetzung für ein lustvolles Erlebnis ist dein inneres "ich will" und die Bejahung dessen, was du bist und was deine erotischen Wünsche sind.
2. Vergiss den Widerspruch zwischen vaginal und klitoral!
Viele von uns sind von der dummen und arroganten Theorie Sigmund Freuds geprägt, wonach nur ein vaginaler Orgasmus ein "reifer" Orgasmus ist. Jahrzehnte lang haben sich Frauen für ihre Lust auf klitorale Stimulation geschämt und geglaubt, dass erst ein Orgasmus durch Penetration sie zu "richtigen" Frauen machen würde. In dem wegweisenden Buch "Frauenkörper neu gesehen" (Orlando Frauenverlag, 1987; englischer Originaltitel "A New View of A Womans Body, Federation of Feminist Womens Health Centers, New York, 1991) wird erstmals und sehr detailliert aufgezeigt, welches Potential dieses Lustinstrument zwischen unseren Beinen eigentlich birgt. Die Klitoris, die Labia, die Vagina und der G-Punkt sind miteinander verbunden und bilden einen grossen und köstlichen Lustraum. Die sorgfältige Untersuchung der physischen Ausstattung unserer wunderbaren Vulva berichtigt die in der männlich dominierten Medizin lange vertretene Ansicht, dass der Orgasmus der Frau irgendwie von der Stimulation durch den Penis und/oder von der Penetration abhängig ist.
Die Klitoris ist das Lustinstrument überhaupt. Sie enthält ein Bündel von achttausend Nervenfasern. Das ist die grösste Konzentration, die im menschlichen Körper zu finden ist, und es sind doppelt so viele Nervenenden vorhanden wie im Penis! Das Grossartige daran ist, dass die Klitoris nichts anderem als der weiblichen Lust dient. In ihrem Buch "Frau Eine intime Geographie des weiblichen Körpers (Bertelsman Verlag, 2000; englischer Originaltitel "Woman An Intimate Geography, Houghton Mifflin, New York, 1999) sagt die Autorin Natalie Angier: "...Vielleicht ist es ganz gut, dass die Klitoris von den Schamlippen verdeckt wird, denn sie ist eine Art Insider-Tipp, ein göttliches Geheimnis, eine Büchse der Pandora, die statt des legendären Übels nichts als Freuden enthält." Und wenn all die Phrasendrescherei endlich vom Tisch ist, dann wird uns klar, dass es beim Orgasmus kein Richtig oder Falsch gibt. Es existieren nämlich viele verschiedene Orgasmen und alle können unglaubliche Gefühle hervorrufen. Es kommt nur darauf an, für welchen man sich gerade entscheidet.
3. Entdecke, was du wirklich willst!
Kürzlich habe ich in einem meiner Seminare beobachtet, wie eine Teilnehmerin während einem Selbstbefriedigungsritual den "Magic Wand-Vibrator von Hitachi benutzte. Sie stimulierte sich sehr lange, und in dem Moment, als ich ihr vorschlagen wollte, eine Pause zu machen und später fortzufahren, dreht sie den Vibrator voll auf und stimulierte sich noch intensiver. Ich war überrascht, denn das Gerät ist sehr stark und die Vibration auf höchster Stufe ist fast unerträglich. Ich sah zu, wie sie einen massiven, erdbebenähnlichen Orgasmus hatte, der alle Frauen im Zimmer erzittern liess. Mir wurde dabei erstmals bewusst, dass viele Frauen eine intensive Stimulierung wollen, die sie beim sexuellen Kontakt mit einem Partner selten oder nie finden. Der Körper dieser Frau war sehr kräftig und belastbar, und sie brauchte diesen extremen Reiz. Der ausserordentlich starke Orgasmus reinigte und befreite ihr ganzes System und sie strahlte für den Rest des Tages. Ein solcher Empfindungsschub wäre für viele Frauen zu viel gewesen. Doch wie können wir wissen, was wir wirklich brauchen, wenn wir nicht experimentieren und unsere eigenen Grenzen kennen lernen?
Einige Frauen sagen, dass ihre Klitoris so empfindlich ist, dass sie die Stimulierung einstellen müssen, sobald sie kommen. Ich sagte das früher auch, bis ich eines Tages einen Video sah, in dem Annie Sprinkle einen fünfminütigen Orgasmus vorführte. Eine Uhr lief in der oberen Ecke des Bildschirms während sie sich (mit einem "Magic Wand") immer weiter stimulierte und die Lust immer wieder zurückkam und wie eine Welle durch ihren Körper lief. Da begriff ich, dass ich mir bis dahin immer nur ein Minimum an Lust gegönnt hatte, unter dem Vorwand, dass ich da unten zu empfindlich war. In Wahrheit hatte ich aber nicht geglaubt, dass ich mehr als das Minimum verdiente. Dank Annie begann ich zu experimentieren, gönnte mir mehr und veränderte damit meine Vorstellung von dem, was ein Lusterlebnis sein kann. Ich entdeckte, dass ich mir unnötige und unrealistische Grenzen gesetzt hatte und dass mein Körper eigentlich zu viel mehr fähig war.
4. Nimm dich und deine Lust selbst in die Hand!
Wäre die Welt perfekt, dann wären alle Männer hart und alle Frauen feucht. Leider lassen wir uns aber oft mit der gegenteiligen Erwartung auf das Liebesspiel ein: Er muss mich erst feucht
machen und ich muss ihn erst hart
machen. Dies bildet für beide eine grosse Belastung und funktioniert meistens nicht, sondern ruft statt Lust Feindseligkeit, Entzweiung und Schuldzuschiebung hervor. Die Einstellung, dass mein Partner es
für mich tun muss, ist eine völlige Perversion unserer Sexualität. Es liegen Welten zwischen dem
Mitteilen unserer Wünsche und der
Erwartung, dass der Partner es uns "besorgt". Viele Frauen nehmen an, dass der Partner für ihren Orgasmus verantwortlich ist und dass die Qualität ihrer Beziehung davon abhängt, ob er merkt, was sie braucht, um zu kommen. Falls du eines Tages auf dem Rücken liegst und teilnahmslos an die Decke starrst, während dein Partner sich bemüht, deinem Geschlechtsteil eine Reaktion abzugewinnen, dann solltest du dich vielleicht mit den Mustern der Hilflosigkeit und Passivität auseinandersetzen, die sich in eurer Beziehung eingenistet haben. Bei einem gesunden Austausch mit dem Partner bringe ich mein Körperbewusstsein, meine Lust und meinen Saft mit ein, und mein Partner gibt seinerseits dasselbe. Und mit der Energie, die diesem Zusammenspiel entspringt, erschaffen wir einen sich stets erneuernden Tanz.
Für Frauen ist es von grösster Wichtigkeit, dass sie mit ihrer Lust experimentieren und dass sie herausfinden, was sie wirklich brauchen und wollen, um die Ekstase zu erreichen. Ich bin der Meinung, dass jede Frau einen guten Vibrator haben und ihn regelmässig, ohne Partner, benutzen sollte. Wir können das volle Lustpotential unseres Körpers nutzen, ohne uns auf einen Partner zu verlassen, der uns die Lust "gibt". Dein Körper und deine Lust gehören dir und es besteht kein Grund, im Bett um etwas zu betteln! Es steht jeder Frau frei, ihre Lust mit einem Partner zu teilen, aber es ist wichtig zu verstehen, dass dies ihr Geschenk ist, das zu geben oder zu behalten sie selbst entscheidet. Viele Frauen glauben, dass das Ausleben der eigenen Lust ohne ihren Partner einen Verrat darstellt. Das ist ein tief verwurzelter, gemeiner Psychotrick, der Frauen klein, hilflos und ewig vom Penis abhängig machen soll. Also, weg mit dem Gedanken! Von jetzt an sollst du deinen Körper und seine erotischen Bedürfnisse ernst nehmen.
5. Renne, tanze, freue dich und lebe!
Jede von uns hat sich jahrelang mit ihrem persönlichen Drama herumgeschlagen. Die meisten Frauen, die ich kenne, haben viele Stunden in irgendwelchen herkömmlichen oder alternativen Therapien verbracht. Viele haben ihre Kindheit, ihre Traumata, ihre Lebensthemen und ihre Probleme angeschaut und viel Zeit und Geld in das Heilen ihrer Wunden investiert. Wenn du bis hierher gelesen hast, dann hast du wahrscheinlich schon viel an dir gearbeitet. Herzlichen Glückwunsch!
Ich lade dich nun ein, eine neue Richtung einzuschlagen und die "harte Arbeit" hinter dir zu lassen. Es ist an der Zeit, dich selbst zu feiern. Wie viele andere Frauen habe auch ich einen grossen Teil meines Lebens damit verbracht, durch leiden zu lernen. Ich war, wie die meisten von uns, dem Schmerz und dem Leid "verfallen" und hatte keine Ahnung, dass es Alternativen gab. Irgendwann hatte ich dann genug von der ganzen Tragödie und liess sie links liegen, befreite mich von ihr. Ich habe mit ihr abgeschlossen.
Mein Geschenk an die Frauen: Ich helfen ihnen zu sehen, dass der Weg des Leidens nicht der einzige ist, der durch das Leben führt. Wir können auch durch Freude lernen. Jede von uns kann sich für ein freudenerfülltes Leben mit sexueller Lust und erotischer Erfüllung statt Drama und Schmerz entscheiden, und ich lade dich ein, diese Entscheidung zu treffen. Es ist genauso einfach wie es klingt. Das Rezept: rennen, spielen, tanzen, feiern, weltbewegende Orgasmen haben und LEBEN!
Bis zum nächsten Monat!