Lust heisst das Rezept
Maggie Tapert

Als ich vor Jahren damit begann, nach Antworten auf die Fragen nach Gott und dem Kosmos zu suchen, stellte ich fest, dass viele Leute glaubten, sexuelles Vergnügen wirke sich schädigend auf die Entwicklung des Selbst aus. Nicht nur religiöse Fanatiker betrachteten es als Ablenkung, als ichbezogen, als Illusion, die uns wegführt von dem, was wahr und wichtig ist im Leben. Ich verbrachte Jahre mit der spirituellen Suche, schloss mich Gruppierungen jedweder vorstellbaren Richtung an, von der klassisch-östlichen, an Meditation orientierten bis zur esoterisch abstrusen Variante. Ich blieb jeweils für eine Weile, voller Enthusiamus für den Lehrer oder die Lehrerin, verliebt in die Anhänger oder begeistert durch die wunderschönen «teachings». Dann, mit der Zeit, wandte ich mich enttäuscht Neuem zu. Immer auf der Suche. In der Hoffnung, Antworten zu finden, besann ich mich für kurze Zeit sogar meiner katholischen Wurzeln. Im Laufe dieses abenteuerlichen Weges erlebte ich Wunderbares und Erhellendes, und ich lernte eine Menge über mich selber. Dabei wurde mir  aber vor allem klar, wie tief die Unlust in all den Systemen sitzt, die das Heilige vom Sexuellen trennen. Diese Trennung, das Verdammen von allem, was voller Saft, menschlich, körperlich befriedigend ist und energetisch auflädt, tötet die Lust ab. 

Immer wieder begegnete ich Menschen, die wenig oder nichts von echter, tiefgehender Freude wissen, die die Erde beben lässt, dein Blut derart ins Pulsieren bringt, bis du Sterne siehst, die die Chakren aufsprengt und Freudentränen aus deinen Augen springen lässt. Weil das Leiden in weitaus grösserem Masse akzeptiert ist und in unserer Gesellschaft gebilligt und unterstützt wird, neigen Menschen dazu, ihre Verlangen nach Lust zu ignorieren oder nach Ersatzbefriedigungen zu suchen; in Dingen wie exquisitem Essen, schnellen Autos, Havanna-Zigarren. Das kann zwar auf einer oberflächlichen Ebene funktionieren, berührt die Seele aber nie wirklich. Unser Körper und besonders unsere Genitalien werden völlig ausser acht gelassen. Falls die Genitalien doch in unser Vergnügungsprogramm einbezogen sind, dann nur innerhalb strikter Grenzen. Gott behüte, dass wir laute Geräusche von uns geben oder unsere Körper wollüstig bewegen würden. In der Tat halten viele Leute den Atem an, wenn sie sich dem Orgasmus nähern, aus Frucht, es könnte zu unkontrollierbar werden. 

Wenn du grosse erotische Lust erlebst und du dich schliesslich in körperlicher und sexueller Hinsicht kennst, kann es wirklich gefährlich werden. Gefährlich für Partnerschaft und Familienleben und für die Gesellschaft. Du erfährst, was die Essenz der menschlichen Gestalt, des menschlichen Körpers ist. Du würdest wissen, was es bedeutet, ganz im Physischen aufgehoben zu sein. Geerdet, hier, präsent in der Welt. Dann befolgst du die Regeln nicht mehr so richtig, bist schwieriger zu kontrollieren. Zuviel Freiheit und das gesamte System kann abstürzen. Sexuell frei zu sein heisst, nur einen Schritt von der Anarchie entfernt zu sein.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich beabsichtige nicht, die Regierung zu stürzen. Ich lebe gern in einem Land, in dem die Züge pünktlich fahren und geniesse es, auf dem Markt aus einem reichhaltigen Angebot auswählen zu können. In meinem Leben und meiner Arbeit geht es einzig darum, dem Lebenssprühenden, dem Echten Raum zu geben. Ich möchte einen Raum kreieren, in dem Menschen voll erwachen können und die Veranwortung für ihr Leben und und ihre Lust wieder übernehmen. Zum Prozess der Bewusstwerdung gehört es, den materiellen Körper zu akzeptieren, das Gefäss sowohl für Lust und Schmerz, und anzunehmen, was diese uns in spiritueller Hinsicht zu lehren haben.

Stell dir vor, du könntest auf dem Marktplatz sitzen und einen Schwanz oder eine Möse streicheln. Männer und Frauen gingen bewundernd vorbei, vielleicht berührten sie sie oder benetzten sie mit heiligem Wasser oder sie lächelten, nickten und gingen ihres Weges. Wenn dein kraftvolles, hartes Glied in der Gemeinschaft geehrt würde, wäre vielleicht keine Gewalt nötig. Wenn wir Schwänze lieben würden, wäre das vielleicht das Ende des Krieges. Wenn Frauen zu lauten, grossen, voluptuösen und nassen Orgasmen ermuntert würden und sie alle, Freunde und Nachbarn einladen würden, deren sakralen Schönheit mitzuerleben, vielleicht würde dann Pornografie in eine heilige Erotik umgewandelt. Vielleicht würden unsere verwundeten Vaginas heilen, vielleicht.

Bei einem wunderbaren Lehrer lernte ich die Kraft des Wortes «Ja» kennen. Es ist vor Jahren zu meinem Mantra geworden. Was ist deines? Wenn du dein Leben mit einem Wort zusammenfassen könntest, was wäre es? Probier es aus, zum Spass, schau in dich hinein! Schau all die Aspekte an, die in dir nein statt ja sagen, vor allem in der Sexualität, bei den Genitalien. Halte deine Hände wärmend und liebevoll über sie und sag zärtlich ìJaî. Lass sie spüren, dass deine Hände sie akzeptieren. Lass deine Eier, deinen Schwanz, deine Möse, deine Clit die Liebe fühlen, die dein Herz schickt. ìJA, JA, JAÖî. Sag es mehrfach. Spür die Grösse, die deine Person ausmacht, mitsamt Sexualität, Lust und Begehren. Fühl die Kraft und die Freiheit, die da bereit liegen. Liebe dein sensuelles und sexuelles Selbst. Plaisir, Freude, Lust heisst das Rezept, das ich verschreibe, um unsere Unlust zu verwandeln und die Welt zu verändern. Lass uns mit dir und mir beginnen.