Schönheit erschaffen
Maggie Tapert, 11.2002

"'Heilige Jungfrau' war der Titel der Huren-Priesterinnen der Astarte, Aschera und Aphrodite. Die Bezeichnung bezog sich nicht etwa auf körperliche Unberührtheit, sondern auf das Nichtverheiratetsein (keinem Mann gehören). Die Aufgabe dieser heiligen Jungfrauen war es, durch sexuellen Gottesdienst den Segen der Göttin zu erteilen, zu heilen, wahrzusagen, heilige Tänze aufzuführen, Totenklagen zu halten und Bräute Gottes zu werden."

The Woman’s Encyclopedia of Myths and Secrets, Barbara G. Walker

Die Spannung im Raum war erdrückend. Wir waren seit mehreren Tagen zusammen und bereiteten uns auf den Moment vor, in dem wir drei fremde Männer in unsere Mitte aufnehmen würden. Unserer Tradition folgend hatten wir den Raum für das Ritual vorbereitet, die Möbel und alles entfernt, was uns von unserem Vorhaben ablenken und unsere Konzentration stören könnte. Dann wurde der Raum sorgfältig aufgeräumt und von Schmutz, Staub und jeder negativen Energie befreit. Wir verteilten schlanke, rote Wachskerzen in Messingkandelabern im Raum und zündeten sie an. Der Altar war mit samtenen roten Rosenblütenblättern bedeckt, es roch nach Weihrauch, und die Matten waren in einem weiten Kreis in der Mitte des Raums angeordnet und mit sinnlichem Rot, Orange und Gold bedeckt. Die Sonne ging langsam unter, der Abend hielt Einzug. Der Raum verdunkelte sich immer mehr, als das Tageslicht sanft dem zauberhaften Schein der Kerzen wich. Die Frauen formten einen Kreis und hielten sich an den Händen. Sie hatten kunstvoll verzierte Masken aufgesetzt und ihre Umhänge geschickt um die nackten Schultern gelegt. Ich fand sie wunderschön, meine 'Priesterinnen in der Lehre'. Ihre Augen versprühten einen Glanz der Aufregung von hinter den Masken hervor. Ich war stolz auf jede von ihnen, wie sie den Schritt in die Autorität taten, während sie ihren Platz im Kreis des Lebens einnahmen und ihre Führungsrolle als spirituell wache Frauen einnahmen. Ich wartete beim Eingang des Raums auf meine Assistentin, welche die Männer in unseren Ritualkreis führen sollte. "Atmen nicht vergessen!", sagte ich zu den Frauen, und prompt ging ein leises Kichern durch die Gruppe, was bestätigte, dass sie in gespannter Erwartung die Luft angehalten hatten.

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Marianne war mit 56 noch Jungfrau. Sie hatte ihr berufliches Leben der Pflege alter, kranker und sterbender Menschen gewidmet, hatte sie gewaschen und versorgt und sich um all deren Bedürfnisse gekümmert und, wenn es dann soweit war, ihnen beim Hinübergehen in den Tod beigestanden. Ihre Rolle als Pflegerin hatte ihr Leben bestimmt, das hatte sie akzeptiert. Doch sie schien irgendwie die spielerische, manchmal überschwängliche Energie zu entbehren, die ich in den anderen Frauen spürte, die mit mir zusammenarbeiteten. Ich bewunderte und respektierte ihr Können als 'Priesterin des Todes', doch mit der Zeit erkannte ich eine Gefühlsmaske, die verbarg, dass in ihrem Innern etwas fehlte oder unvollendet war. Wenn wir zusammen waren, zog sie gelegentlich Sachen an, die sie als äussere Zeichen von Weiblichkeit empfand: rasselnde Halsketten aus Muschelschalen, glänzende Ohrringe, knallroten Lippenstift und schwarze Netzstrümpfe; alles in krassem Kontrast zu den formlosen, unscheinbaren Hauskleidern, die von ihren schmalen Schultern hingen. Sie schien sich danach zu sehnen, Weiblichkeit zu repräsentieren, doch ihre Erscheinung mutete in solchen Momenten widersprüchlich an. Ihr kurz geschnittenes Haar und ihr bleicher Körper leugneten ihr reifes Alter. Ihre Sanftmut und Verletzbarkeit wurden von einer Stimme verdeckt, die von ihr losgelöst schien und oft zu laut war.

Obwohl Marianne viel Erfahrung mit Menschen hatte und mit dem Thema Leben und Tod vertraut war, hatte sie noch nie eine intime Begegnung mit einem Mann erlebt. Sie sagte mir, dass sie in ihrer Jugend hin und wieder geflirtet hatte, dass aber wegen der Aufdringlichkeit der Jungen und wegen ihrer eigenen Angst vor der ihr unbekannten männlichen Sexualität nie etwas daraus geworden war. Sie war in jeder Hinsicht eine Jungfrau geblieben. Sie genoss ihre Unabhängigkeit und schätzte ihre eigene Sexualität, doch sie hatte ihren Körper nie mit jemandem geteilt und nie die Berührung eines anderen Menschen – weder eines Mannes noch einer Frau – erfahren.

Nachdem ich ihre Geschichte gehört hatte, fragte ich sie, ob sie neugierig sei und den Wunsch verspüre, die männliche Energie zu erleben und zu erfahren, was Sex mit einem Mann eigentlich ist. "Oh, ja", antwortete sie mit ihrer rauen Stimme, "aber ich weiss, dass das nie geschehen wird. Männer fühlen sich nicht zu mir hingezogen und das wird sich kaum noch ändern." Ich fragte sie, ob sie bereit wäre, die männliche Energie in einem sicheren Umfeld zu erfahren, wenn ich dafür sorgte, dass sie weder verletzt noch zurückgewiesen würde. Eine Woche später bekam ich ihre Antwort in einem vierseitigen handgeschriebenen Brief. Sie versicherte mir, dass sie sehr an einer Erfahrung mit Männern interessiert sei und dass sie wissen möchte, wie es ist, Sex mit ihnen zu haben. Sie schrieb, dass sie weder Erwartungen noch Befürchtungen habe; sie vertraute einfach darauf, dass ich einen sicheren Raum für sie schaffen würde, in dem sie das empfangen konnte, was ein Mann ihr zu bieten hatte. Ihre Neugierde und ihr Mut überraschten mich. Sie war einfach offen für eine neue Erfahrung, erhob keine Ansprüche und war bereit, sich diesem Erlebnis mit jeder noch so verwundbaren Seite ihrer Persönlichkeit zu stellen.

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Ich hatte alle Frauen der Gruppe gebeten, ihre feinstes Stück weisser Seide auszuwählen und es für unser Ritual mitzubringen. Als wir am Nachmittag den Ritualraum vorbereiteten, nähte Karin, die sehr geschickt mit Nadel und Faden umgehen kann, aus allen Seidenstücken ein Hochzeitskleid für Marianne. Ohne die Teile zu zerschneiden, fügte sie sie zu einem eleganten, schmeichelnden Kleid zusammen, das wunderbar zum bevorstehenden feierlichen Ereignis passte. Kurz vor Sonnenuntergang wuschen wir Marianne, ölten und massierten ihren Körper und halfen ihr, sich zu entspannen und ihre Energie zu erden. Eine der Frauen machte ihre Haare zurecht, eine andere schminkte sie und parfümierte ihre weiche, weisse Haut. Wir zündeten die Kerzen im Raum an, während sich Marianne eine weisse Maske aufsetzte. Dann legten ihr die Frauen zärtlich das weisse Kleid um die Schultern. Eine ruhige Eleganz ging plötzlich von ihr aus, die ich noch nie an ihr gesehen hatte. Wir stellten uns im Kreis um Marianne auf und baten Aphrodite, die Mutter der Schönheit, um Schutz und Beistand an diesem Abend. Es wurde still im Raum – wir waren bereit.

In unserem Tempel herrschte das Gebot des Schweigens. Als Hohepriesterin war ich die einzige, die während diesem Ritual sprechen durfte. Sowohl die Frauen als auch die männlichen Gäste hatten die Anweisung, nicht zu sprechen und sich während des ganzen Abends nur durch ihre Handlungen und ihre Energie mitzuteilen. Die Musik war so ausgewählt, dass sie die Stimmung im Raum unterstützte. Magische, melodiöse Klänge drangen sanft und verführerisch aus den Lautsprechern.

Seit ich vor mehreren Jahren angefangen habe, mit Männern und Frauen zu arbeiten, hat sich der Tempel entwickelt und verändert. Früher war der Tempel für mich ein Ort, in dem Männer sexuelle und spirituelle Heilung suchten und diese bei Frauen fanden, die ihrer hohen Berufung zur Heiligen Hure gefolgt waren. Auch ich hatte das Glück, diese Rolle einige Jahre lang leben zu dürfen. Ich lernte viel und konnte dabei mein Können als sexuelle Heilerin verfeinern. Ich begegnete auch Männern, die bereit waren, die Rollen zu vertauschen und ihre Talente in den Dienst der Frauen und ihrer spirituellen Evolution zu stellen. Es gibt nur wenige Männer auf der Welt, die fähig sind, dieser Berufung zu folgen. Für diesen Abend hatte ich Männer ausgewählt, von denen jeder seinen ausgeprägten Stil und seine individuelle Ausdrucksweise besass, die jedoch das gemeinsame Ziel hatten, den männlichen Archetyp der Heiligen Hure hier und jetzt in die Wirklichkeit umzusetzen. Die Priesterinnen hatten diese Männer nie zuvor gesehen, und diese würden am Ende des Abends weggehen, ohne ein Wort gesprochen oder ihre Identität preisgegeben zu haben.

Jetzt betraten sie die Schwelle unseres Raumes: drei in Schwarz gekleidete Männer, ihre Gesichter hinter eleganten schwarzen Ledermasken verborgen. Sie waren die besten meines Männerteams. Ich hatte sie mit den Jahren auf Grund ihrer selbstsicheren körperlichen Anmut und ihrer Ergebenheit und Liebe den Frauen gegenüber ausgewählt. Sie kamen in den Tempel, nicht um ihrer eigenen Befriedigung willen, sondern um der Göttin zu dienen und sie zu ehren, um mit ihren Priesterinnen zu tanzen. Sie traten in unseren magischen Raum ein und jeder von ihnen verbeugte sich schweigend vor mir. Dann nahmen sie ihre Plätze ausserhalb des Priesterinnenkreises am Ende des Raums ein. Ich hob die Arme gegen den Himmel und begann zur Begrüssung der Männer mit der Anrufung der Göttin:

"Gelobt sei die Göttin Aphrodite, in deren heiligem Tempel wir vereint sind. Wir erkennen die Schönheit und Freude, die wir aus ihrer grosszügigen Hand erhalten! Geliebte Brüder, meine Priesterinnen heissen euch in diesem Tempel willkommen, der von uns Frauen als Zeichen unserer Kraft und spirituellen Grösse geschaffen wurde. Seht, unsere Schwester hier ist Jungfrau. Sie ist bereit, den Mann erstmals zu erkennen. Liebt sie. Berührt sie tief. Entfacht das Feuer der Liebe in ihr. Wir geben sie in eure Obhut. Lasst den Freudentanz beginnen!"

Die Priesterinnen setzten sich an den äusseren Mattenrand und bildeten einen grossen Kreis, in dessen Mitte Marianne mit weisser Maske und weissem Kleid stand. Ich nahm die Männer einen nach dem anderen bei der Hand und führte sie in den Kreis hinein, so dass sie einen inneren Kreis um Marianne bildeten. Ganz ruhig standen sie da und liessen die Ausstrahlung ihrer phallischen Präsenz spüren. Dann öffnete einer der Männer ihr Kleid und liess es behutsam von ihren Schultern auf die Matte gleiten. Sie stand mitten unter ihnen, unsicher und aufgeregt. Ein Mann legte sie auf die Matte und sie fingen an, sie zärtlich zu streicheln und zu liebkosen. Im ersten Moment unbeholfen und unsicher, versuchte sie, die Zuwendung der Männer zu erwidern. Ich lehnte mich vor und flüsterte ihr zu: "Du brauchst nichts zu tun, nur zu empfangen.” Sie blickte zu mir hoch, gab einen Seufzer der Erleichterung von sich und begann sich zu entspannen. Sie lehnte sich in glückseliger Hingebung zurück und konnte jetzt die liebevollen Hände, die sie berührten, geniessen. Die Männer umarmten, streichelten und berührten sie in allen möglichen Variationen. Ich sah mich im Kreis um und stellte fest, dass die anderen Priesterinnen wie ich in ehrfürchtiger Anteilnahme zusahen. Wir konzentrierten uns schweigend und beobachteten den spannenden Akt der Liebe. Dass wir diesen Raum erschaffen und Marianne diese Erfahrung ermöglichen konnten, erschien uns wie ein grosses Wunder.

Später begab sich jeder der Männer an seinen eigenen Platz , den wir ihm ausserhalb des Frauenkreises vorbereitet hatten. Die Priesterinnen sahen vom Frauenraum aus zu, als Marianne zum Mann ihrer Wahl hinging, sich auf dessen Matte legte und zum ersten Mal in ihren sechsundfünfzig Jahren spürte, wie ein Mann tief in sie eindrang. Sie legte ihre Bein um seinen Körper und öffnete sich ihm. Ich sah zu, wie sie schweigend in seine liebevolle Umarmung hineinschmolz, als wäre es die natürlichste Sache der Welt. Später setzte sie sich im Kerzenlicht hinter ihn, liebkoste seinen Schwanz, lächelte und staunte, wie er in ihrer Hand tanzte.

Am nächsten Tag sassen wir beisammen und tauschten unsere Erfahrungen der vergangenen Nacht aus. Karin löste die Nähte des Hochzeitskleids und wir hörten zu, wie Marianne das Erlebte in allen Details beschrieb. Sie strahlte als sie sprach. Sie schien verändert. Sie glühte richtig! Ihre Stimme war weich, und sie war voller Freude und Dankbarkeit dafür, dass wir den Raum für sie gehalten und ihr diese wunderbare Erfahrung ermöglicht hatten. Während Marianne sprach, gab Karin den Priesterinnen ihre Seidenstücke zurück, zur Erinnerung an unsere gemeinsame, wundersame Zeit im Tempel. Jede von uns erinnerte sich im Stillen, wie sie sich vor vielen Jahren erstmals ihrem ersten Liebhaber hingegeben hatte, an den Moment, der den Anfang einer Lebensreise durch die Männerwelt bildete. Für die meisten von uns war es anders gewesen, nicht voller Schönheit und Unterstützung durch liebe Freundinnen und Freunde, nicht geplant, rücksichtsvoll, bewusst, voller Freude. Nein, so war es für die meisten von uns nicht gewesen, aber es wurde uns jetzt bewusst, dass wir alle die Macht besitzen, solche Momente neu zu gestalten durch die Schaffung innovativer Heilerfahrungen füreinander. Das gegenseitige Beistehen im heiligen Kreis der Liebe ist unsere Aufgabe als Priesterinnen und Ausdruck kreativer und neu belebender weiblicher Energie. Indem wir diese weibliche Kraft in uns wahrnehmen, legen wir die Last der Vergangenheit ab und schaffen Platz für die Freude der Gegenwart.

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Für die Priesterin von heute blüht der Tempel in neuen Farben und nährt gleichzeitig ihre Wurzeln, die im fruchtbaren Boden ihrer altertümlichen Ursprünge sitzen. Erst nach diesem Ereignis mit Marianne begriff ich die Veränderungskraft, die Frauen in einem solchen heiligen Raum finden können, egal worum es dabei geht. Ich wurde Zeugin der Geburt eines neuen Bildes weiblicher Evolution und Heilung, unabhängig von den Vorstellungen und Vorgaben der Männer in unserem Leben. Der Tempel steht auf dem Fundament unseres starken Willens, uns als spirituell wache Frauen durch heilige Liebesakte und Riten weiterzuentwickeln. Er lädt ein, über das Persönliche hinauszugehen und in das Geheimnis des Transpersonalen einzutreten. Jeder Tempel ist anders. Die Liturgie verändert sich mit den Jahreszeiten, mit unseren individuellen Bedürfnissen, mit der momentanen Energie. Doch wenn wir den Schritt über die Schwelle des Tempels getan haben, betreten wir einen ungewöhnlichen Weg der weiblichen Spiritualität. Uns wird das Glück zuteil, die alten schwesterlichen Bande wiederzuentdecken und wir schöpfen unsere Energie aus einer spirituellen Kraft, die uns in der Gegenwart verankert.

Möge der Tempel bald wieder erstehen, aus Schönheit geboren, in Liebe hervorgebracht, ein irdisches Ereignis, das die spirituell erfüllten Frauen, die Priesterinnen der Freude, feiert!