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Der transpersonale Tempel
Maggie Tapert Als er aus der gleißenden Mittagssonne in den dunklen kühlen Schatten des Torbogens trat, war er für einen Augenblick geblendet. Er stand einen Moment still und erlaubte seinem Körper, sich an diesen einladenden kühlen Raum zu gewöhnen. Er merkte, dass sein Körper von Staub bedeckt war, und der scharfe Geruch, den seine Haut ausströmte, erinnerte ihn daran, dass er vor mehr als einer Woche zum letzten Mal gebadet hatte. Der Eingang des Hauses war ruhig und unscheinbar. Auf einem Tisch nahe der Tür brannte eine Kerze. Ein feiner Rosenduft lag in der Luft. Eine verschleierte Frau erschien in einer Türe im Hintergrund. Sie verbeugte sich vor ihm, streckte im wortlos ihre Hand entgegen und führte ihn sanft durch die Tür, hinunter durch eine verdunkelte Halle zu einem Baderaum. Sie verließ ihn, damit er sich von Schrecken und Schmutz der letzten Woche säubern konnte. Neben der Wanne mit wohlriechendem Wasser stand ein goldener Pokal, gefüllt mit duftendem Wein. Er entledigte sich seiner Kleider und ließ sich mit einem Seufzer ins Wasser sinken. Nach einer halben Stunde kehrte die junge Dienerin zurück und führte ihn durch die verdunkelte Halle in das innere Heiligtum, den Tempel der Liebe. Auf üppigen, rotgolden gestreiften Kissen ausgestreckt, lag die Hohepriesterin, das Gesicht von einem schimmernden Schleier verhüllt. Er stand einen Augenblick wie angewachsen da, dankte dann der jungen Dienerin und legte einige goldene Münzen auf einen silbernen Teller, wie es der Brauch war. Als er sich zu der Priesterin umdrehte, erhob diese ihre Hand und bat ihn, näher zu kommen. Er stand neben ihrem Lager, bis sie ihren Schleier lüftete und ihm ihr liebliches Gesicht und ihren makellosen Körper enthüllte. Dann sank er vor ihr in die Knie und vergrub sein Gesicht in ihrem Gewand. Gepriesen sei die große Göttin. Möge ich ihrer wert sein. Wenn ich in Gruppen über den vorzeitlichen Tempel erzähle, ist es mehr als nur eine schöne Geschichte. Bei den Seminaren, die ich rund um die ganze Welt gegeben habe, habe ich von vielen verschiedenen Träumen und Phantasien darüber gehört, wie die Tempel ausgesehen haben könnten. Vor Tausenden von Jahren, vor der Zeit des Patriarchats, existierten solche Tempel wirklich. Die heilige Hure erscheint in den frühesten Überlieferungen als Bestandteil der Gesellschaft, als die Menschen Städte gründeten und eine Schrift schufen. Das Hauptwerk des ältesten bekannten Autors ist eine Lobpreisung der sumerischen Priesterin Enheduanne, der heiligen Hure des Himmels, die Göttin Inanna. Im alten Griechenland und im römischen Reich florierte die Tempelprostitution. Kulturen von Afrika bis Japan verehrten die heilige Hure. Die Jungianische Psychologin Nancy Qualls-Corbett erforschte die Einzelheiten über den Zusammenhang zwischen Tempel, Heiliger Hochzeit und dem machtvollsten Archetypus, der heiligen Hure. Was mir jedoch noch wichtiger erscheint, ist, daß viele Menschen tief in ihrer Psyche solche Bilder in sich tragen, ohne daß diese durch schriftliche überlieferungen, wissenschaftliche Beweise oder Forschungen gestützt werden. Alles, was ich weiß, ist, dass die Menschen diese Informationen in ihren Zellkernen, der DNA, tragen. Sie scheinen dieses Wissen zu besitzen, ohne je davon gehört oder gelesen zu haben. In jedem Seminar brachen drei oder vier Menschen in Tränen aus, wenn ich die Geschichte über den Tempel erzählte. Ich sah, wie die Tränen in ihren Augen aufstiegen, wie sie zustimmend mit dem Kopf nickten und sagten: "Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, aber ich bin tief von dem berührt, was du gesagt hast." Oder: "Es mag sonderbar klingen, aber ich fühle ganz sicher, dass ich in diesem Tempel gewesen bin." Oder auch: "Das war einer meiner Träume, solange ich mich erinnern kann." Offensichtlich ist dies ein Traum, den nicht jeder in sich trägt. Aber für die, die es tun, ist es ein leidenschaftliches Verlangen, diesen Platz wiederzufinden, um mehr darüber zu erfahren, zu verstehen, was es persönlich in diesem Leben für sie bedeutet. Die meisten dieser Leute sind wie ich der tiefen Überzeugung, dass sie irgendwie, in irgendeiner Form, wirklich körperlich dort waren. Sie haben keinen Zweifel daran. Sie lebten in diesem Tempel, sie leisteten Tempeldienste und verehrten die Göttin. Mit den Menschen, die so stark vom Tempel angezogen sind, fühle ich mich verwandt. Es ist, als wären wir eine Familie. Es ist weniger, dass sie dieselben Bilder haben wie ich, sondern dass sie dasselbe tiefe Verlangen spüren, an diesen Platz zurück zu kehren, der jeden Aspekt ihres Selbst einschließt, ein Platz, wo das Heilige und das Sexuelle vereint sind. Heilige Hure Im Winter 1996 kam ich zum ersten Mal in den Tempel. Ich wusste, dass er einst meine Heimat gewesen war, und arbeitete für die nächsten drei Jahre wieder als heilige Hure. Diese Geschichte habe ich bereits in allen Einzelheiten erzählt. In einer Gruppe gleichgesinnter Freunde erschufen wir einen Tempel nach überlieferter Tradition. Dabei lernten wir eine Menge über Sehnsucht, Begehren und Lust, aber wurden auch enttäuscht. Ich habe meine Liebe zum Tempel nicht verloren, wusste aber, wann es Zeit für mich war, zu gehen. Mein fünfzigster Geburtstag lag hinter mir, und es gab jüngere Priesterinnen, die bereit waren, meinen Platz einzunehmen. Außerdem beschlich mich das Gefühl, dass die Art, wie wir den vorzeitlichen Tempel wieder erschaffen hatten, nicht die Antwort für die heutige Zeit ist. Ich fühlte, dass in diesem archaischen Bild etwas war, das keine Gültigkeit mehr für uns hatte. Ich fühlte, dass wir neue Bilder und Symbole, neue Visionen brauchen, die all das beinhalten, was wir am Ende dieser Dekade, dieses Jahrhunderts, dieses Jahrtausends voneinander gelernt haben. Sexuelle Identität Im Frühjahr 1999 begann ich mit einer neuen Programmreihe für Frauen und Männer mit nach Geschlechtern getrennten Gruppen. Es geht nicht um Partnerschaft; der Fokus ist darauf gerichtet, das eigene sexuelle Selbst zu entdecken. Es geht um Eigenständigkeit und darum, die eigene Essenz zu finden und sich wieder mit ihr zu verbinden. Darum, die Heiligkeit unserer sexuellen Macht wieder zu entdecken. Noch einmal zu lernen, unserer heiligen Empfindsamkeit Raum zu geben und sie zum Blühen zu bringen. Wir stellten uns die Fragen: "Was bedeutet es, eine Frau zu sein? Was bedeutet es, ein Mann zu sein?" Die meisten Frauen wissen nicht, wie sie sich selbst als individuelle sexuelle Wesen begreifen können. Wir sind durch unsere partnerorienierte Kultur so geformt worden, dass unser individuelles Selbstgefühl, speziell rund um unsere Sexualität, verschwunden ist und durch die Idee ersetzt wurde, dass wir nur als die Hälfte eines vorgestellten Ganzen gelten. Manche alleinstehende Frauen erzählen mir, dass sie seit Monaten oder gar Jahren kein Sexualleben mehr führen, weil sie keinen Partner haben. In Bezug auf Sex identifizieren Frauen sich darüber, wie sie von Männern gesehen werden. Wenn kein Mann da ist, existieren sie auch als Frau nicht. Die Wahrheit ist jedoch, dass wir vom ersten bis zum letzten Atemzug einmalige sexuelle Wesen sind. Erotik und weibliche Sexualität wurden unter den Erwartungen einer Gesellschaft begraben, die Frauen primär als Ehefrauen und Mütter wertschätzt. Diese Art reflektierten Glorienscheins, auf dem basierend, was wir produzieren oder mit wem wir schlafen, lässt die Frauen enttäuscht zurück, von ihrer wahren Einzigartigkeit als machtvollen sexuellen Wesen getrennt und häufig sehr wütend auf ihre Männer. Wenn ich mit Männern rede, fühle ich ihre Traurigkeit darüber, dass sie nicht fähig sind, ihre wahren sexuellen Bedürfnisse zu leben. Ihrer Familie ergeben als gute Versorger und nette Väter, sind diese Männer sexuell hungrig, und sie sehnen sich nach so viel mehr, ohne zu wissen, wie sie ihren wirklichen Bedürfnisse begegnen können. Oft haben sie sich eine glatte, sexlose, harmlose Persönlichkeit geschaffen, hinter der der Hunger und das Sehnen des wahren inneren Mannes verborgen sind. Ein empfindsamer, bewusster Mann wird durch die Zurückweisung seiner phallischen Kraft in unserer Kultur verwundet. Der Phallus, Mittelpunkt seiner männlichen Identität und Freude, wird als Gefahr und Bedrohung von Frauen und Kindern, als Instrument der Vernichtung gesehen. Es ist kein Wunder, dass Männer eine riesige Ladung von Scham und Schuld rund um ihre Geschlechtsorgane mit sich tragen. Sie haben die ursprüngliche Verbindung zu ihrem authentischen sexuellen Selbst verloren. Die Heilung ist für Männer wie Frauen darin zu finden, dass sie zu ihrem individuellen sexuellen Selbst zurückkehren und es als Bestandteil ihres heiligen Selbst annehmen. Die Tempel Ich schaffe, von Träumen, Visionen und Erinnerungen beflügelt, einen Tempel für die Gegenwart, angepasst an uns als Mitglieder der Gesellschaft am Beginn eines neuen Zeitalters. Meine Vorstellung ist ein Tempel, zu dem Männer und Frauen reisen können. Er ist ein Ort individueller Heilung für Männer und Frauen, und auch ein Ort gemeinsamer Heilung für die Verwundungen zwischen den Geschlechtern, an denen wir leiden. Er ist ein Platz der Vereinigung des Sexuellen und des Heiligen. Er ist ein Platz der Zelebration und der Verehrung unserer Unterschiede und unserer Ähnlichkeiten. Er ist ein Platz der Versöhnung, des Tanzes und der Kreativität. Er ist ein Platz, an dem wir das leben und erfahren, was wir in unserem Alltag noch nicht verwirklichen können. Er ist erotisch und zutiefst sinnlich. Er ist schön und üppig, offen und frei. Er spiegelt die neue Kultur wider, die zu erschaffen wir gerade am Werke sind. Er präsentiert unsere Lust, unsere Wünsche, unsere Träume und unsere Überzeugungen. Er ist ein Platz nach höchsten maßstäben und mit dem größten vorstellbaren Nutzen. Er ist eine Domizil der Liebe. In meiner Arbeit geht es darum zu lernen, unsere eigenen Wunden zu heilen und die Verantwortung für das zu übernehmen, was wir uns in diesem Leben erschaffen haben. Wenn diese Heilungsarbeit begonnen hat, wenn du deinen Fokus wieder auf deinen eigenen, individuellen Prozess des Wachstums richtest und du gesehen hast, dass der Weg nach Hause dich zu deiner eigenen wahren Selbstliebe führt, dann bist du bereit dafür, zum Tempel zu kommen. Dies ist ganz einfach eine Chance, weiterzugehen zu dem, was du wirklich bist. Es ist eine Gelegenheit, dich selbst zu treffen. Allerdings kann ich den Tempel nicht alleine erschaffen. Der Tempel ist kein aus Steinen oder Glas geschaffenes Gebäude, von Menschen erbaut, wie Kirchen oder Moscheen. Dies ist ein beweglicher Tempel, der zwischen den Welten existiert, durchsichtig, zerbrechlich und fließend. Er wird aus der Liebe und der Magie der Träume und Visionen von Frauen und Männern mit offenen Herzen gebaut. Wir kommen zusammen in der Absicht ihn zu erschaffen, für einen Moment, für eine Stunde, einen Tag und plötzlich erscheint er vor unseren Augen. Wenn wir ihn wieder gehenlassen, verschwindet er im Dunst der Zeit. Er ist immer neu und niemals derselbe. Er existiert für uns, weil wir uns verbinden und JA sagen zu einer Vision von Freude und Heilung. In diesem Tempel, in einer Atmosphäre üppiger Sinnesfreuden, ist es möglich, uns höheren Ebenen der Heilung unserer Gesellschaft und uns selbst zu öffnen. Ich lade dich ein, zu kommen und an der Heilung unserer Welt teilzuhaben. Visualisiere mit mir zusammen den neuen Tempel für unsere Zeit. Wenn dies ein Platz ist, den du kennst oder nach dessen Entdeckung du dich sehnst, wenn dein Herz von dieser Vision von Heilung berührt ist, dann komm, Überschreite die Schwelle und erfahre den kühlen dunklen Schutz vor der brennenden Sonne. Komm und rieche den Rosenduft. Komm und lass deinen Traum endlich Wirklichkeit werden. |