Versöhnung
Maggie Tapert, 12.2001

Meine Mutter ist erst kürzlich gestorben, einen Monat nach ihrem zweiundneunzigsten Geburtstag. Sie hatte ein erfülltes Leben gehabt, doch am Ende waren Körper und Geist geschwächt, und sie war überzeugt, dass es an der Zeit war, heimzugehen. Obwohl wir froh waren, dass sie endlich von ihrer uralten, gebrechlichen Hülle befreit war, löste ihr Hinscheiden einen Trauerprozess in mir aus, der zu einer wichtigen Heilung meines Herzens führte.

Mein älterer Bruder hatte mich spät abends angerufen, um mir mitzuteilen, dass Mama wieder im Krankenhaus war. Er befürchtete, dass sie wegen ihres schwachen Herzens und ihrer allgemeinen Gesundheitsverschlechterung nur noch ein paar Tage zu leben hätte. Sie war in den vergangenen Jahren mehrmals im Krankenhaus und dem Tod nahe gewesen, doch jedes Mal erholte sie sich wieder und kehrte zu ihrem normalen Leben zurück. Einmal, vor etwa vier Jahren, reiste ich in die Vereinigten Staaten, um an ihrem Totenbett zu sein. Im Flugzeug zwischen Zürich und Detroit bereitete ich mit Tränen in den Augen eine Rede für ihre Beerdigung vor. Als ich im Krankenhaus an ihr Bett trat, ging es ihr elend. Sie konnte kaum atmen und war überaus schwach. Sie nahm meine Hand und ich fühlte, wie die Energie von meinem Körper zu ihr hinüberfloss. Sie war wie eine Verdurstende in der Wüste und ich war ihre rettende Oase. Ich verbrachte jeden Tag bei ihr, und innerhalb einer Woche war sie wieder zu Hause und auf dem Weg der Besserung. Tatsächlich wurde sie wieder so gesund, wie es jemand in ihrem Alter und mit einer langjährigen, schweren Herzinsuffizienz überhaupt werden kann. Ich legte meine Grabesrede weg und wir nahmen unsere gewohnten wöchentlichen Übersee-Telefonaten wieder auf.

Als mich mein Bruder diesmal wieder anrief, überlegte ich mir ernsthaft, ob ich überhaupt hinfliegen sollte. Ich rief ihr Krankenzimmer an, doch die Krankenschwester erklärte mir, meine Mutter sei zu schwach und ihre Atemnot zu gross, als dass sie mit mir sprechen könnte.
Etwa ein Jahr zuvor, zu einer Zeit, als ihr Gesundheitszustand verhältnismässig gut war, hatte ich sie gefragt, ob sie mich bei sich haben möchte, wenn sie stirbt, und sie hatte geantwortet: “Ich will niemanden dabei haben! Ich will einfach im Schlaf sterben.” Das war typisch für unsere Kommunikation, wie sie seit Jahren zwischen uns stattfand und zu immer grösseren Differenzen und Konflikten führte. Mein eigener Lebensweg konzentriert sich auf spirituelles Erwachen. Mein Leben ist schon lange darauf ausgerichtet, mein eigenes Bewusstsein zu finden und Anderen meine Unterstützung auf einem solchen Weg anzubieten. Und ausgerechnet meine eigene Mutter sagt mir, dass sie im Sterben völlig "bewusstseinslos" sein und lieber auf meine Hilfe verzichten will. Ich ärgerte mich masslos! Wie bei so vielen Unstimmigkeiten, die es in der Vergangenheit zwischen uns gegeben hatte, fühlte ich mich auch diesmal respektlos behandelt, übergangen und ungeliebt. Ich nahm es absolut persönlich; es ging dabei nur um mich, nicht um sie. Solche Augenblicke lösten immer wieder Kindheitserinnerungen an sehr schmerzliche Momente der Ablehnung aus.

In den vergangenen Jahren hatte ich intensiv mit Todkranken und Sterbenden gearbeitet und war an der Seite meiner Patienten gewesen, als sie sich dem Tod hingaben. Nun hatte ich den Eindruck, dass meiner Mutter meine Erfahrung nichts bedeutete. Sie schien nicht daran zu glauben, dass mich die Erfahrungen im Sterbehospiz eine Teilnahme gelehrt hatten, mit der ich ihr helfen und ihr Hinübergehen erleichtern konnte. Es war, als nehme sie gar nicht zur Kenntnis, dass ich etwas Wertvolles gelernt hatte und dass ich auch ihr etwas Bedeutsames geben konnte. Diese Art von Konflikt hatten wir im Verlaufe der Zeit schon so oft erlebt; meistens ging es dabei um verschiedene Dinge, aber immer waren dieselben charakterlichen Grundzüge im Spiel. Ich fand es absurd, dass es so einfach sein sollte, Fremden, die im Sterben lagen, Einfühlsamkeit und Mitgefühl entgegenzubringen, während es bei meiner eigenen Mutter so wahnsinnig schwierig war.

Nun lag sie tatsächlich im Sterben und ein kleinlicher, wütender, gemeiner Teil von mir wollte sie bestrafen: Ich würde mein Wort halten und nicht zu ihrem Tod erscheinen. Ich hörte die freche Mädchenstimme in meinem Kopf: "Du brauchst mich nicht? Na schön, wie du willst! Stirb doch einsam und allein in deinen Krankenhausbett. Mir kanns ja egal sein!" Ich aalte mich in der lieblosen Energie dieses verletzten Kindes in mir drin, doch nach fünf Minuten gab ich nach und buchte einen Flug nach Detroit. Ein weiterer Persönlichkeitsaspekt meiner Mutter war der, dass sie nie um Hilfe bitten würde, und das wusste ich sehr wohl. Bei ihr musste man immer selbst herausfinden, was sie brauchte, und hoffen, dass sie es von einem annehmen würde.

Bei meiner Ankunft im Krankenhaus kauerte sie mit ihren achtunddreissig Kilo wie ein Vogel auf der Bettkante; ihre abgemagerte Hand stützte ihren Kopf, ihre Finger sahen aus wie Krallen. Einige Tage zuvor war sie im Pflegeheim, in dem sie wohnte, umgefallen, und die offenen Wunden an ihren Beinen verheilten nicht. Ihre Beine, Füsse und Knöchel waren aufgeschwollen und schmerzhaft und schwarz von all dem Blut, das sich darin aufgestaut hatte und nicht mehr abfliessen wollte. Zudem nahmen ihr die Krankenschwestern alle paar Stunden Blutproben, um sie für "Tests" ins Labor zu schicken, und ihre Arme waren auch schon ganz schwarz davon. Als sie umgefallen war, hatte sie sich ausserdem am rechten Auge verletzt. Die Blutung hinter der Netzhaut nahm ihr die Sicht und verursachte eine Schwellung des Auges, wie bei einem Boxer. Sie sah so verwundet und gebrochen aus, dass ich ihren Anblick kaum ertragen konnte. Sie war erschöpft und ihr Herz arbeitete mühsam in ihrem ausgelaugten, alten Körper. Sie hatte eine Lungenentzündung bekommen, fühlte sich sehr schlecht und sagte mir, dass sie den Wunsch hatte, zu sterben.

"Heute Nacht hatte ich einen Traum", berichtete sie mir am nächsten Morgen, als ich mich an ihr Bett setzte. Seit dem Vortag war ihre Stimme zu einem dünnen, kaum hörbaren Piepsen geschrumpft. "Mein Bett wurde in eine riesige Halle verlegt, und alle meine Freunde waren festlich angezogen und sassen auf Stühlen rund um mich herum", erzählte sie. "Dann erhoben sich alle und gingen weg, und ich blieb ganz alleine mit den leeren Stühlen in dem grossen, leeren Raum zurück. Ich wollte wieder in mein eigenes Zimmer gehen, zu meinem eigenen Bett, aber die Krankenschwester kam und liess mich nicht aufstehen. Alle meine Freunde waren weggegangen und ich wollte auch gehen." Die Krankenschwester sagte mir später, dass meine Mutter in der Nacht halluziniert und eine Stunde lang laut "Hilfe, Hilfe!" geschrien und dabei alle Patienten auf der Etage geweckt hatte. Als Mama mir ihre Geschichte erzählte, begriff ich, dass sie nicht ganz sicher war, ob ihre Freunde letzte Nacht tatsächlich da gewesen waren oder nicht. Sie sagte, dass die Krankenschwester sehr nett gewesen sei und ihr einige persönlichen Gegenstände wie den Rosenkranz und den Bademantel gezeigt hätte, um sie zu überzeugen, dass sie in ihrem eigenen Zimmer war und beruhigt wieder einschlafen konnte. Das Erlebnis machte ihr Angst und ihre Stimme, die ihren Schrecken in die Nacht hinausgeschrien hatte, war so angeschlagen, dass sie sich nicht mehr erholte.

Am selben Tag veranlasste ich auf ihren Wunsch, alle aktiven Behandlungen einzustellen. Die Pillen, die Laboruntersuchungen, die Bluttests, die Spezialisten mit ihren aufdringlichen Besuchen und Behandlungen, das alles hatte nun ein Ende. Trotz ihres Alters und ihres Zustands hatte ein stämmiger junger Arzt allen Ernstes vorgeschlagen, einen komplizierten operativen Eingriff vorzunehmen, der ihr Leben, wie er sagte, um ein paar Monate verlängern könnte. Als ich meine Zweifel äusserte und ihm erklärte, dass ich es für unvernünftig hielt, an einer zweiundneunzig Jahre alten Patientin in ihrem Zustand herumzuoperieren, gab er etwas einfältig zu, dass die Idee wohl absurd war. Stattdessen wechselten wir zur sogenannten “Comfort care”, einer Behandlung, die das Wohlsein des Patienten in den Vordergrund stellt. Schon bald erschien, wie ein Engel, ein mitfühlender junger Krankenpfleger, David, der das nötige Wissen und die erforderliche Erfahrung mit Sterbenden hatte, um den letzten Lebensakt meiner Mutter so angenehm wir möglich für sie zu machen. Er trug dem Pflegepersonal auf, ihr genügend Morphium zu geben, damit sie sich wohl fühlt. Meine grösste Angst war, dass sie erstickt, denn sie hatte Atembeschwerden und kaum noch Kraft zum Husten. Es war für uns beide eine Erleichterung, als die Medikamente endlich Wirkung zeigten und sie weniger unruhig in ihrem Bett lag. Sie war wach und konnte mit mir sprechen, aber ihr Geist schien mit jedem Augenblick weiter weg zu rücken.

Sie lächelte und drückte meine Hand, und da fanden sich auch meine vier Brüder und meine jüngere Schwester ein und traten an ihr Bett, um sich von ihr zu verabschieden. Wir alle lebten weit von unserem Geburtsort entfernt und dies war unsere erste Zusammenkunft seit fast zwanzig Jahren. Mama schaute recht ungläubig, als ihre "Jungs", die alle schon über sechzig waren, Arm in Arm um sie herum standen. Mein ältester Bruder sagte: "Sieh nur, Mama, wir sind alle hier und wir streiten uns nicht mal." Sie gab uns ein schwaches Lächeln und flüsterte: "Ich hätte nie gedacht, dass ich das noch erleben würde."

Während den nächsten zwei Tagen wurde ihr Atem noch schwerer und unregelmässiger und schliesslich entglitt sie in die Bewusstlosigkeit. Familie und Freunde wechselten einander ab und hielten rund um die Uhr an ihrem Bett Wache. Jerry, ihr Freund aus dem Pflegeheim, kam und betete den Rosenkranz neben ihr von Mitternacht bis zwei Uhr morgens. Ich wählte die Schicht von zwei bis vier Uhr morgens und sang in dem verdunkelten Krankenzimmer für sie. Es war sehr still. Sie bewegte sich nicht mehr rastlos in ihrem Bett hin und her, sondern kam nun, in den letzten Stunden ihres Lebens, zur Ruhe. Im Zimmer war nur ihr unregelmässiges Ein- und Ausatmen wahrzunehmen. Auch ich fand meine innere Ruhe, während ich bei ihr sass. Ich versank in Meditation, Gedanken und Ängste verflüchtigten sich, mein Atem ging mit dem ihren.

In dieser Stille, weit, weit weg von all unseren persönlichen Streitigkeiten, wurde mir bewusst, wie sehr ich sie liebe. Ich begriff, dass es das Gesagte war, das unserer Liebe so oft in den Weg kam. Es waren unsere Ansichten, unsere Vorstellungen und Auffassungen, die uns trennten. Wenn wir wortlos, nur atmend, einfach beieinander waren, gab es keine Unstimmigkeiten. Ohne die "Ichlastigkeit" unserer Charaktere teilten wir eine starke, endlose, friedvolle Liebe. Ich hatte das schon einmal gespürt, vier Jahre zuvor, als sie dem Tod nahe war. Auch damals sass ich bei ihr und hielt ihre Hand. Auch damals waren wir still gewesen. Ich schaffte es, gemeinsam mit ihr einen schmalen Raum zu betreten, den Raum zwischen dem, wofür wir uns selbst halten und dem, was unsere wahre Essenz darstellt: der göttliche, kostbare und zeitlose Teil von uns, der in diesem Augenblick versuchte, sich von dieser kaputten Hülle zu befreien. In diesem tiefgründigen Augenblick, wenn Körper und Seele sich sanft voneinander lösen, kann der vergängliche, unbedeutende "Staub" des Menschen endlich auch als solcher enthüllt werden. All unsere Behauptungen, all die Härte in unseren Herzen, die Selbstgefälligkeit, die unnachgiebigen Standpunkte und Überzeugungen, all das verschmilzt zur Belanglosigkeit. Sie befand sich nun an diesem Ort und ich fand meinen Weg durch all die Schichten von Enttäuschung und Missverstandensein und begegnete ihr endlich und berührte diese Liebe, die uns so tief verband. Diese Liebe war so rein und so echt, und ich wusste in diesem Moment, dass sie mich immer geliebt, dass sie mir immer nur Gutes gewünscht hatte. Auch wenn sie es im Kontext unseres gemeinsamen Lebens nicht so hatte ausdrücken können, wie ich es gewollt und verstanden hätte. All die Jahre unserer Streitigkeiten, all die Herausforderungen, die wir einander gestellt hatten, gaben mir die Gelegenheit, zu lernen und zu wachsen. Unsere Geschichte war wie eine Schneeflocke, wunderbar, einzigartig und unnachahmlich.

Meine Mutter starb am nächsten Nachmittag. Wir waren alle bei ihr, Kinder, Enkelkinder und sogar einige Urenkel. An diesem letzten Tag standen wir um ihr Bett herum, hin und her gerissen zwischen Erschöpfung, Trauer und Freude. Eine Art hysterischer Energie schien uns zu befallen, als wir Zeugen ihres wundersamen und schrecklichen Hinscheidens wurden. Alle redeten irgendwie zu schnell und zu laut. Plötzlich war das Zimmer überfüllt und stickig und die Papiertaschentücher reichten nicht aus. Ihr Körper, nun bewegungslos, lag still auf dem Bett, mitten im Stimmengewirr des verwirrten Familienkreises. Die Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen und ihre Haut nahm innerhalb von Minuten einen matten Farbton an. Ich setzte mich auf den Bettrand, beugte mich über ihren Körper und begann, ihr Gesicht zu streicheln und ihre Wangen zu küssen. Ich hörte meine eigene, verzweifelte Stimme nach ihr rufen und Tränen liefen über mein Gesicht. Ich hatte ihr meine Liebe so lange vorenthalten, hatte ihr all die Jahre mein Herz verschlossen, und nun war sie fort. Ich konnte mich nicht beherrschen und rief "Mami, Mami" wie ein verlassenes vierjähriges Kind.

Ein kleiner Blumenstrauss stand auf dem Fenstersims. Meine Nichte hatte Mamas Lieblingsrosen gebracht, rosarote, die sie in ihrem eigenen Garten angepflanzt hatte. Ich legte sie in ihre Hände, die sich schon kühl anfühlten. Am nächsten Tag, im Bestattungsinstitut, sahen wir ihren Leichnam ein letztes Mal bevor er ins Krematorium gebracht wurde. Die Blumen lagen noch in ihren Händen, verwelkt, zerknittert, aber voller Farbe.

Alle Vorstellungen, die ich über uns als Mutter und Tochter gehabt hatte, wurden in jener letzten Woche und mit ihrem Tod ausradiert. Was einst die belastende Realität unserer schwierigen Beziehung gewesen war, wurde von einem Moment auf den anderen durch Reinheit und Sanftmut, Wärme und Anerkennung ersetzt. Ich war verändert. Mein Herz war verändert. Ich fühlte, wie sich etwas Neues, Starkes und Beständiges in mir niederliess. Indem ich ihr erstmals offen, ohne Abwehrhaltung und falsche Erwartungen entgegengetreten war, wurde mein Ringen mit ihr gegenstandslos. Der Schleier des Unverständnisses war gelüftet, und nach Jahren des Leidens und der Trennung konnten wir einander ganz einfach lieben.

Als ich nach Hause zurückkehrte, stellte ich ihr Foto auf meinem eigenen kleinen Altar auf. Die Aufnahme wurde gemacht, als sie etwa vierzig Jahre alt war, ungefähr zu der Zeit, als ich geboren wurde. Mein Mutter war eine elegante und schöne Frau gewesen. Auf dem Bild trägt sie ein weisses Sommerkleid, ihr glänzendes Haar rahmt in weichen Wellenbewegungen ihr Gesicht ein. Sie hält eine feine, weisse, goldverzierte Teetasse vor sich. Ihre Hände sind perfekt manikürt, ihre Nägel so rot wie ihr Lippenstift. Jedes Mal beim Vorübergehen zünde ich eine kleine Kerze vor ihrem Bild an. Ich betrachte es, nehme alle Einzelheiten auf, denke an ihre Schönheit und würdige ihre Weiblichkeit. Mein Herz trauert noch um sie und ich bin dankbar dafür, dass sie mir mein Leben geschenkt hat. Der Tod meiner Mutter bedeutet Abschied von einer meiner besten Lehrerinnen und ich leugne nicht, dass das Leben mit ihr eine harte Schule war. Ich bin dankbar, dass sie mich nicht fallen gelassen hat und dass, egal wie sehr ich mit ihr zankte und sie beschuldigte, wie sehr ich rebellierte, jammerte und klagte, sie mich stets geliebt hat. Und ich bin dankbar für die Heilung unserer Beziehung, auch wenn sie ein Leben lang gedauert hat.


Aus dem Englischen übersetzt von
Michaela Fisnar-Keggler [www.keggscribe.com]