Die Waschung
Maggie Tapert

Es war Samstagmorgen, der zweite Kurstag. Die Frauen sassen im Kreis, doch ihre Energie war unbändig und hatte sich noch keineswegs gesetzt. In diesen Frankokanadierinnen steckte eine Art von Verrücktheit, die mich verwirrte. Heute früh waren sie offensichtlich in bester Laune aufgestanden, denn sogleich hatten sie Lieder auf Französisch angestimmt. Es ging um Liebe und Enttäuschung, Sehnsucht, und selbst Patriotismus sprach aus ihren Liedern. Doch an diesem Morgen lärmten die Frauen, sie alberten herum und gerieten ausser Rand und Band. Mein Gott, sagte ich zu mir selbst, wie soll ich diesen Haufen bloss dazu bringen, das für diesen Morgen geplante Ritual zu vollziehen?

Die Waschung der Füsse. Das sei nichts besonderes, sie hätten es schon mehrfach getan, gab mir die Übersetzerin zu verstehen. Ob ich nichts Aufregenderes auf Lager habe. Doch ich war überzeugt, dass das Ritual der Fusswaschung genau das richtige war, um die Gruppe der Frauen mit den Männern zusammenzuführen. Den Männern würde es eine Gelegenheit verschaffen, sich vollständig auf ihre weibliche Seite einzulassen und nichts anderes zu tun, als zu empfangen, und für die Frauen wäre es die Gelegenheit, grosszügig zu geben, ohne eine Belohnung zu erwarten.
Bestimmt würde dieses Ritual allerhand Widerstand von feministischer Seite wachrufen. Bestimmt würden einige Frauen zornig oder ängstlich darauf reagieren, andere empfänden es wohl als eine Zumutung, hart an der Grenze zum Missbrauch. Gut so. Darum geht es schliesslich an solchen Kursen. Genau richtig. Aber hier waren diese 25 Weiber, eine johlende und gröhlende Bande, die sich an diesem sonnigen Samstagmorgen mit dem Absingen von Schlachtrufen aus dem Fussballstadion vergnügte. Was sollte ich tun? Was für eine Kraft war herbeizurufen? Ein Gebet, kurz wie ein Stossseufzer: "Oh Göttin, verrate mir bitte, was ich mit diesen wildgewordenen Weibern anstellen soll. Bitte verleih mir die rechten Worte, die ihnen die Herzen öffnen, damit sie sich auftun für die Lektion, welche dieser Augenblick für uns bereithält."

Sogleich erschien vor meinem inneren Auge ein Bild von Maria Magdalena. Ich sah sie gebückt, mit wallendem Haar, weich und seidig, wie sie kniete zu Füssen des Jesus. Das ist es, Göttin sei Dank. Ich rief die Frauen und bat sie um Ruhe für eine geführte Meditation. Im Raum wurde es still. Wir richteten die Aufmerksamkeit auf den Atem und liessen Unruhe und Gedanken von uns ziehen. Während ich sprach, merkte ich, wie mir Hitze ins Gesicht schoss und wie mein Körper aufgeladen wurde. Ich wusste, dass der Geist mich erfüllte. Mühelos entströmten die Worte meinem Mund. Meine Stimmbänder, meine Zunge, meine Kehle wurden übernommen, um das Bild mitzuteilen, welches mir vorschwebte:
"Sie war liebreizend und verschwiegen. Sie wusch seine Füsse mit den Tränen, die ihren Augen entströmten. Das verhehlte sie nicht. Tränen und Liebe liess sie frei fliessen. Und er empfing sie. Sie beeilte sich nicht. Mit Berührungen und Küssen kümmerte sie sich um seine Füsse. Das war die heilige Salbung. Mit der Zärtlichkeit einer Geliebten trocknete sie daraufhin seine Füsse mit ihrem langen seidenen Haar. Schweigend liess er sie gewähren und empfing. Um ihren Hals hing an seidenem Faden ein Flakon. Dem entnahm sie ein himmlisch duftendes Öl und führte es, Tröpfchen für Tröpfchen, seiner kostbaren Haut zu. Den Füssen des Geliebten. Worte waren da nicht vonnöten, ihre Hände und ihr Herz sprachen eine beredte Sprache."

Darum gehe es in diesem Ritual, sagte ich zu den Frauen: "In diesem Akt voller Demut schlummert das Potential einer tiefen Liebe. Tragt Maria Magdalena in euch. Bewahrt sie in eurem Herzen, während ihr dieses Ritual der Reinigung und der Liebe vollzieht." Die Frauen weinten. Das waren dieselben Frauen, welche vor zehn Minuten noch wie Schlachtenbummlerinnen gesungen hatten.

Die Frauen wuschen den Männern die Füsse, und nie war ich Zeugin eines schöneren und bewegenderen Rituals als diesem. Mehrere Männer waren zu Tränen gerührt. Ein Mann erzählte mir später, nie, nie habe er sich so akzeptiert gefühlt, so rundum angenommen und geliebt. Er wischte sich Tränen aus den Augen, wandte den Blick ab vor Verlegenheit und wiederholte mit versagender Stimme: "Nie."