Frauenspiritualität


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"Ganz in Weiss"
von Veronika Herzig

[SPUREN 66 / Winter 2003]
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Marianne ist eine starke, selbständige Frau. Als Entwicklungshelferin war sie in Afrika. Sie liebte einen Sportler und einen Priester. Später besuchte sie Tantrakurse - und blieb bis 56 Jungfrau. Maggie Tapert machte ihr ein Angebot.

Sie ist so, wie ich sie mir vorgestellt habe: eine schmale, schlicht gekleidete Frau unbestimmten Alters mit spitzbübischen Augen. Bereitwillig erzählt sie aus einem Leben, das sehr verschieden ist von dem meinen - und doch leicht nachzuvollziehen.

Marianne (Name durch die Redaktion geändert) kümmert sich seit vielen Jahren um alte, kranke und sterbende Menschen. Dennoch hat sie immer wieder Abenteuer gesucht und bestanden, hatte den Grad eines Unteroffiziers in der Armee, war mit Entwicklungshelfern in Marokko und Westafrika, schnupperte in der Esoterik-Szene, wagte viel - und blieb sexuell unberührt vom Begehren der Männer.

Fürchtet sie, geschwächt zu werden, ihre Autonomie zu verlieren? Noch stärker in die Rolle der Gebenden gepresst zu werden? "Das könnte sein", meint sie. Männer waren unberechenbar, unnahbar - oder schlicht rücksichtslos. Der Vater ein introvertierter Lehrer, der seine Kinder gerne fotografierte, sie sich aber sonst vom Leibe hielt, genau wie die meist überforderte Mutter. Von klein an übernimmt Marianne als Älteste viel Verantwortung für den Haushalt und für die fünf jüngeren Geschwister. Kommt sie von der Schule heim, warten schon volle Windeln, hungrige Mäuler und Berge von schmutzigem Geschirr. Wen wundert's, dass sie auch beruflich eine dienende, helfende Tätigkeit wählt, erschwert allerdings durch immer wiederkehrende Migräneanfälle.

Der Leidensdruck durch diese zeitweilig unerträglichen Schmerzen führt Marianne zu manchen Quellen. So beginnt sie eine Psychotherapie, interessiert sich für Yoga, feministische Theologie, Mythologie, Aura Soma. Sie übt orientalischen Tanz, macht eine Reiki-Ausbildung. Eines habe jeweils nahtlos zum anderen geführt, sagt sie. Die Schmerzattacken wurden seltener, endeten aber erst, als Marianne ihr Arbeitspensum reduzierte und nur noch punktuell Verantwortung trug.


Athlet, Priester, Tantriker

Als 23-Jährige war Marianne in einen italienischen Leichtathleten verliebt. Er erwies sich als Schürzenjäger; ein Bündel Liebesbriefe ist ihr geblieben. Erst zehn Jahre später liebte sie erneut - einen katholischen Priester. Er zog sich zurück, heiratete später eine andere, nachdem er das Priesteramt aufgegeben hatte. Marianne litt beide Male - und liess fortan keinen Mann mehr in ihr Herz, erst recht nicht an ihren Körper. Ihr scheint, dass Männer "nur das Eine" wollten, sich aber nie wirklich dafür interessierten, wer und wie sie war. "Es hat sich einfach nie richtig gut angefühlt mit ihnen", erklärt sie.

Das Thema "Sinnlichkeit und Sexualität" bleibt jedoch nicht ein für alle Mal ausgeklammert, ganz im Gegenteil. Marianne ersehnte einen Weg, auf dem Sexualität und Spiritualität sich gegenseitig nicht ausschliessen, sondern befruchten. Sie wagte sich in die Tantraszene, musste aber feststellen, dass hier dieselben Mechanismen spielen wie im "normalen" Leben: Die wenigen anwesenden Männer schnappen sich die attraktivsten Frauen. Wer übrig bleibt, arrangiert sich mit den anderen "Mauerblümchen".

Wie kann frau in diesem Klima ihre Weiblichkeit entfalten? Und das ist es, was Marianne - trotz allem - möchte. Da fällt ihr ein Prospekt von Maggie Tapert in die Hände: "Sexualität als Weg zur Spiritualität". Unter diesem Titel wird ein Seminar für Priesterinnen angeboten.

Dies könnte ein weiterer Schritt sein zu ihrem ureigenen Selbst - unabhängig von männlichen Wünschen, von Ansprüchen, Bewertungen. Als Hohepriesterin lebt Maggie Tapert eine Vision: die Trennung zwischen dem Sakralen und dem Sexuellen aufzuheben. Das ist Musik in Mariannes Ohren, das könnte sie heilen und mit ihren Gegensätzen versöhnen (vielleicht sogar mit den Männern?).

Unter den angehenden Priesterinnen fühlt sie sich wohl und akzeptiert mit all ihren Widersprüchen, Ecken und Kanten. Die Gruppe um die starke, eigenständige Maggie bietet ihr den sicheren Rahmen zum Erproben eines spielerischen, lustvollen Umgangs mit ihrem Körper und ihrer Kreativität. Dass hier Weiblichkeit nicht über und durch Männer definiert wird.

Marianne verrät den Frauen, dass sie - im Unterschied zu anderen der "Heiligen Jungfrauen" - noch nie Sex mit einem Mann erlebt hat. Nicht lange nach diesem "Coming-out" macht Maggie Tapert ihr ein Angebot: Wie wäre es, wenn sie hier und in Anwesenheit ihrer Priesterinnen-Schwestern in die körperliche Liebe eingeweiht würde - durch Männer, die auf Grund ihrer Talente und ihrer Hingabe an die Göttin speziell ausgewählt und auf diese Aufgabe vorbereitet wurden?

Marianne horcht auf. Ja, sie möchte erleben, wie "es" ist mit einem Mann. "Ich wusste: Dies ist eine Gelegenheit, die nie mehr wiederkommt", sagt sie. Nach einer kurzen Bedenkzeit schreibt sie Maggie, sie sei bereit und vertraue darauf, dass sie weder verletzt noch zurückgewiesen oder blossgestellt werde. Etwas Neues konnte geschehen.


Die Hochzeit

Aus den von allen Priesterinnen gespendeten Seidenstücken ist ein weisses Festkleid für Marianne entstanden. Ein Altar wird aufgebaut, und der in satten Feuerfarben geschmückte Raum schimmert im Licht unzähliger Kerzen. Marianne lässt sich von den Frauen waschen. Sie wird von ihnen eingeölt, parfümiert und angekleidet. Eine weisse Maske bedeckt ihr Gesicht. Die Frauen bilden einen Kreis um sie und bitten Aphrodite als Mutter der Schönheit um ihren Segen.

Es wird still, die Spannung ist fast mit Händen zu greifen. Marianne sagt, sie habe sich in diesem Moment gleichzeitig sehr wach und wie in Trance gefühlt. So, als sei sie in einen magischen Raum eingetreten.

Betörende Musik ertönt. Und dann betreten sie den Kreis der Frauen: Drei Männer ganz in Schwarz, das Gesicht hinter Masken verborgen. Marianne fühlt einen Moment der Unsicherheit. Was wird jetzt von ihr erwartet? Als hätte sie ihre Frage gespürt, flüstert Maggie (nur sie als Hohepriesterin darf sprechen) ihr zu: "Du brauchst nichts zu tun - empfange einfach!"

Einer der Männer öffnet ihr Kleid. Ein anderer legt sie behutsam auf die Matte. Alle drei Männer streicheln und liebkosen sie auf die sanfteste, zärtlichste Weise. Marianne sagt, sie habe noch nie eine so geballte männliche Energie gespürt. Schliesslich geht Marianne zum Mann ihrer Wahl und überlässt sich mit natürlicher Selbstverständlichkeit dessen Umarmungen. Sie kann heute noch nicht fassen, mit welcher Leichtigkeit sie sich dieser Erfahrung hingeben konnte.


Der Morgen danach

Einige Monate ist es her seit Mariannes Initiation. Sie denkt oft und gerne daran zurück. Versucht die Empfindungen erneut in sich wachzurufen, die starke, schweigende Präsenz der maskierten Männer zu spüren, ihre bedingungslose Zuwendung. "Ich fürchte, nach diesem Erlebnis hat jeder "gewöhnliche" Mann bei mir einen schweren Stand", seufzt Marianne. Dass sie jetzt Sexualität mit einem Mann - oder Männern? - teilen will, scheint klar. Die Zeremonie war ihr Durchbruch. Nicht die Penetration an sich habe sie beeindruckt. Sondern das Erfahren einer nährenden männlichen Kraft - gepaart mit Respekt und Wertschätzung für sie als Frau.

"Diese Zeremonie war ein Durchbruch, ein Geschenk, für das ich zutiefst dankbar bin: Maggie und ihren Dienern der Göttin. Und Aphrodite!" Marianne lacht übermütig. Ihre Augen strahlen.


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